• 3.05.2015

    Kantate

    3.05.2015

    2Chr 5,2-5(6-9)10(11)12-14

    2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion.
    3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat gefeiert wird.
    4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf
    5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.
    (6 Aber der König Salomo und die ganze Gemeinde Israel, die bei ihm vor der Lade versammelt war, opferten Schafe und Rinder, so viel, dass es niemand zählen noch berechnen konnte.
    7 So brachten die Priester die Lade des Bundes des HERRN an ihre Stätte, in den Chorraum des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim,
    8 dass die Cherubim ihre Flügel ausbreiteten über die Stätte der Lade. Und die Cherubim bedeckten die Lade und ihre Stangen von oben her.
    9 Die Stangen aber waren so lang, dass man ihre Enden vor dem Chorraum in der Tempelhalle sah, aber von außen sah man sie nicht. Und sie war dort bis auf diesen Tag.)
    10 Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen.
    (11 Und die Priester gingen heraus aus dem Heiligtum - denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, ohne dass sie sich an die Ordnungen hielten -,)
    12 und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertundzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.
    13 Und es war, als wäre es "einer," der trompetete und sänge, als hörte man "eine" Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke,
    14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.
     

    Predigtstudie zum Sonntag Kantate: Gottesdienst zwischen Winkelmesse und Staatsakt (Reihe IV)

    Predigtstudie zum Sonntag Kantate: Gottesdienst zwischen Winkelmesse und Staatsakt (Reihe IV)

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    A Dieter Beese
    I Eröffnung: Ganz große Oper zu Kantate
    1. „Singet dem Herrn ein neues Lied; denn er tut Wunder.“ (Psalm 98,1) Dieser Psalmvers, zugleich Wochenspruch für den Sonntag Kantate, könnte eine Überschrift für den Predigttext (2 Chr 5,1-14) sein. Tatsächlich singt die Jerusalemer Festgemeinde: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich“ (Ps 106,1). Die vorgeschlagene Perikope bietet der Vokal- und Instrumentalmusik eine ganz große Bühne. In Anwesenheit des Königs Salomo haben „alle Leviten, die Sänger waren“ (V. 12), gemeinsam mit 120 Priestern die Möglichkeit, ihr Können zu zeigen und den musikalischen Rahmen des Festgottesdienstes zu gestalten. Östlich vom Altar stehen sie, die Leviten mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und die Priester mit ihren Trompeten. Und als das musikalische Gotteslob erklingt, ist es, „als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn“ (V. 13).
     
    2. „Singen im Gottesdienst ist die festliche Seite der Alltagsreligion der Leute. Mit den Parametern Stimme, Stimmung, Atmosphäre lässt das Singen einen laientheologischen Zugang anklingen zu dem zentralen Ereignis, das im Gottesdienst zur Sprache kommt und Gestalt gewinnt: Gott unterhält die Welt.“ (Schroeter-Wittke, 45) Ein Gottesdienst, bei dem alle mitmachen, ist unterhaltsam. Gott unterhält und gewährt Unterhalt. Jede öffentliche Liturgie inszeniert ein Bild von der Art und Weise, wie sich Gott als Schöpfer und Erhalter der Welt verstehen lässt. Selbstbild und Weltbild werden singend und feiernd gefestigt, vertieft und verstärkt.
     
    3. Tempel – König – Priester – Volk: Das Bild von 2 Chr 5,1-14 gibt zu vielen Fragen Anlass. Was ist da zu sehen, wenn das Staatsoberhaupt des Vatikans, Papst der römisch-katholischen Kirche und Bischof von Rom in Manila eine Messe mit 6 Millionen Philippinos feiert? Was wären Kirchentagsgottesdienste ohne große Besucherzahlen, ohne Bundespräsident und ohne Musik? (http://www.ndr.de/fernsehen/kirchentag413.html, abgerufen am 20.3.15) Warum soll die Potsdamer Garnisonkirche wieder aufgebaut werden, die mit dem „Tag von Potsdam“ der Inszenierung einer Versöhnung von Preußentum und Nationalsozialismus die Bühne geboten hat? (http://www.garnisonkirche-potsdam.de, abgerufen am 20.3.15) Warum spricht ein Bundesverteidigungsminister im Rahmen eines Trauergottesdienstes für einen gefallenen Bundeswehrsoldaten? (siehe spiegel-online, abgerufen am 20.3.15) Was bedeutet der Choral „Ich bete an die Macht der Liebe“ im Kontext des Großen Zapfenstreichs? (siehe welt.de, abgerufen am 20.3.15) Wie weit soll die Nähe von Gottesdienst, Bürgerfest, Staatsakt und kirchlicher Selbstinszenierung gehen, wenn die Gemeinde der Öffentlichkeit ihr Zeugnis nicht verweigern, sich aber auch nicht in einen Winkel verkriechen und ihre Talente vergraben will?
     
    II Erschließung des Textes: Die Chronik – ein seltener Gast unter den Predigttexten
    1. Die Überführung der Lade durch David und seine Einweihung durch Salomo bilden den Höhepunkt des chronistischen Geschichtswerkes. Die umfassende Texteinheit ist wie folgt gegliedert: „5,2-6,2 Die Überführung der Lade in den Tempel, 6,3-11 Salomos Rede im Anschluss daran, 6,12-42 Salomos Gebet, 7,1-11 Abschluß der Festakte und Feiern, 7, 12-22 Gottes Erscheinung vor Salomo“. (Japhet, 68) Die genaue Beschreibung der Musik dürfte den tatsächlichen Verhältnissen der Kultmusik zur Zeit des Autors entsprechen.
     
    2. Das chronistische Geschichtswerk ist ein seltener, aber sehr profilierter Gast unter den Predigttexten: „Der Chronist zeichnet von der Schöpfung bis zum Untergang Judas den Geschehensablauf nach. […] Es geht ihm mehr um systematische Geschichtstheologie als um Darstellung des Geschichtsverlaufs.“ (Ohler, 129) In nachexilischer Zeit stellt der Autor den Tempelbau als Wende des Heils in das Zentrum der Welt- und Menschheitsgeschichte: David, die Zentralfigur (mit der die Tempelmusik beginnt!), zeigt, dass Juden auch ohne eigenes Staatswesen existieren und dennoch ihren Platz in der Weltgeschichte einnehmen können: „Nach Darstellung des Chronisten brauchten die frommen Könige des untergegangenen Staates ihre Heere nur aufzustellen, dann habe Gott die Feinde verwirrt und den Sieg geschenkt. Für den Autor gibt es nur eine militär. Tugend: standhalten, bis Gott hilft.“ (Ohler, 129) Gott, nicht König und Militärs sichern die weltliche Existenz und lässt den Perserkönig Kyros als prophetische Figur erscheinen, die mit dem Dekret zum Tempelbau indirekt zugleich zur Wallfahrt nach Jerusalem aufruft.
     
    3. Die Gegenwart Gottes „hindert“ die Priester an ihrem Dienst (V. 14) und erfüllt das Haus. So sehr die Lade mit den beiden Tafeln, die Stiftshütte und das heilige Gerät, die Leviten und die Priester und das ganze Volk mit Gesang und Musik im Gotteslob eins sind: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“ (Ps 106,1), so sehr ist doch Gott selbst dem Zugriff entzogen. Dieser musikalische Festgottesdienst erweckt den Anschein eine staatsreligiösen Verklärungsfeier, zugleich bleibt aber doch der Vorbehalt Gottes gegenüber kultischem und politischem Handeln markiert: Allein Gott selbst vergegenwärtigt sich im Gottesdienst, und allein Gott selbst weist seinem Volk seinen Platz im Miteinander der Völker zu. Mit einem solchen Gott ist nur bedingt Staat zu machen.
     
    III Impulse: Gottesdienstgestaltung, eine Qualitätsfrage
    1. Gott ist und bleibt frei. Auch der aufwändigste Gottesdienst am heiligsten Ort des Weltgeschehens wird ihn nicht binden. Gott braucht den Gottesdienst nicht, aber die Menschen brauchen ihn. Sie brauchen einen Ort der Versammlung, sie brauchen die Anbetung und die Orientierung, die sie vereint. Sie sind mit ihrem Glauben darauf angewiesen, dass Gott sich nicht entzieht, sondern seine Herrlichkeit unter ihnen wohnen lässt. Ein misslungener Gottesdienst wird Gott nicht hindern, mein Herz zu berühren, und eine überwältigende Inszenierung kann mich kalt und frustriert zurücklassen. Die Gemeinde aber ist nicht aus der Verantwortung entlassen, ihren Gottesdienst mit Liebe und Sorgfalt zu gestalten.
     
    2. Gott braucht keinen Staat und keine Politik, aber Menschen brauchen sie, und sie sind darauf angewiesen, dass der Schöpfer und Erhalter der Menschen und der Welt ihnen gegen alle ihre eigene Unvernunft das Leben bewahrt. Im Gottesdienst kommen Glauben und Leben zusammen. Kein Gottesdienst ist politisch unschuldig: Nicht zuletzt mit seinen Liedern und Gesängen ist er immer auch Teil des öffentlichen Lebens und seiner Verhältnisse, bildet sie ab, stellt sie dar und stellt sie in Frage. Der Gottesdienst am heiligen Ort ist verbunden mit dem Gottesdienst im Alltag der Welt (vgl. Röm 12,1-2, Röm 13,1.7.8.10); denn es sind dieselben Menschen, die hier das Gotteslob singen und dort ihr Leben in Gottes Gegenwart führen.
     
    3. Gottesdienstgestaltung ist eine menschliche, gemeindliche Aufgabe und damit auch eine Frage der Qualität. Das schränkt Gottes Freiheit und Gegenwart nicht ein, sondern entspricht ihr. Es ist eine Freude und erschließt ermutigende Erfahrungen, wenn eine Gemeinde sich auf den Weg macht zu einer bewussten, mit Gottes freiem Erscheinen rechnenden Gottesdienstgestaltung. Wie wäre es, wenn die gemeindliche AG Gottesdienstqualität einmal von ihrer Arbeit erzählen könnte?
     
    Werkstück Gottesdienst – Auch der Besuch ist Gestaltung (ein Stück Predigt)
    Eine Szene aus dem Konfirmandenunterricht: Die Pfarrerin hat Gottesdienstbesucherinnen und ‑besucher eingeladen, sich zu den Konfirmanden in den Kreis zu setzen. „Würden Sie uns wohl erzählen, warum Sie regelmäßig unseren Gottesdienst besuchen?“ fragt Sie einen älteren Herrn. Dieser antwortet: „Ich möchte gern, dass die jungen Menschen nicht in eine leere Kirche kommen, wenn sie den Gottesdienst besuchen. Mir ist wichtig, dass sie an anderen Menschen sehen können, dass ihnen der Gottesdienst etwas bedeutet für ihr Leben. Eine große Gemeinde, die kräftig mitsingt, macht doch einen ganz anderen Eindruck auf die Jugendlichen als ein mickriges, verzagtes Häuflein. Wenn ich will, dass junge Menschen kommen, dann darf ich doch als älterer nicht wegbleiben!“
     
     
    Literatur:
    Sara Japhet, 2. Chronik (Herders Theologischer Kommentar zum AT, hg. von Erich Zenger), Freiburg im Breisgau 2003, 67-74
    Annemarie Ohler, dtv-Atlas Bibel, München 5. korr. Aufl. 2011, 128-129
    Harald Schroeter-Wittke, Singen im Gottesdienst II. Kommentar aus theologischer Sicht, in: Liturgie und Kultur. Zeitschrift der Liturgischen Konferenz für Gottesdienst, Musik und Kunst 1 (2014), 42-45
     
    Verfasser:
    Landeskirchenrat Prof. Dr. Dieter Beese
    Evangelische Kirche von Westfalen
    Landeskirchenamt
    Altstädter Kirchplatz 5
    33602 Bielefeld
    Dieter.Beese@lka.ekvw.de

     
     
    B Martin Kumlehn
    IV Entgegnung: „Schön ist es, auf der Welt zu sein, sprach der Igel zu dem Stachelschwein“
     „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“ – so singen die Leviten wie mit einer Stimme das Lied der Freude über Gott. Am Sonntag Kantate wird so recht deutlich und – hoffentlich durch die kirchenmusikalische Inszenierung – auch leibhaft erfahrbar, dass die österliche Freude über Gott der Grundton menschlicher Existenz ist, dasjenige, was jedem Tag, jeder Stunde, jeder Minute gelebten Lebens zugrunde liegt, auch wenn es sonst zumeist unbewusst bleibt: Die tief im Herzen eines jeden Menschen verankerte Einstimmung in das Lob des Schöpfers: „Gütig ist er und ohne Ende seine Barmherzigkeit.“
     
    Solche gesungene Ein- und Zustimmung zur basalen Lebenskraft unterläuft freilich die von A gestellte theologische Frage nach der Legitimität des Gotteslobs im öffentlichen Raum. Seine Bedenken sind gewiss von weitreichender Bedeutung, wenn es darum geht, ob politisch oder ethisch fragwürdige Prozesse gegenwärtigen Erlebens durch das Lied der Freude über Gott bloß affirmiert statt – wie unter Umständen höchst notwendig – kritisiert werden. Die Dynamik, die Macht des Singens, die Kraft der Musik – und das ist das Thema am Sonntag Kantate (!) – sprengt jedoch diese theologischen Einhegungsversuche, die sich übrigens auch schon im Predigttext identifizieren lassen: Mehrfach stehen sich in ihm der Wunsch, Ordnung zu schaffen einerseits (V. 9: die herausragenden Stangen; V. 11: ohne Ordnung sich heiligende Priester) und die – beinahe staunende – Beobachtung, dass die eigens dafür bestallten Religionsexperten „nicht zum Dienst hinzutreten“ (V. 14) können, weil mit dem Gesang und der Musik nicht bloß die Tafeln des Bundes (mithin Ethik und Politik, V. 10), sondern Gottes Kabod Einzug in den Tempel (d.h. in die Herzen der Menschen) hält, andererseits gegenüber.
     
    V Erschließung der Hörersituation: Drei-Minuten-Transzendenz
    Das aus der Grunderfahrung der Dankbarkeit angesichts der Fülle und Güte des Lebens hervorbrechende und in der chorischen Ein-Stimmigkeit sich gewaltig verstärkende Lied der Freude erweist sich als mächtiger und stärker als die priesterlichen, theologischen oder kirchlichen Domestizierungsversuche. Und eben darin besteht in meinen Augen der Sinn der theologischen Rede von „Gottes“ Freiheit: Die Ein-stimmung in den Grund des Daseins ist Sache des Menschen, seiner Existenz, seines den Sinn unwillkürlich symbolisierenden Vermögens. Er – der Mensch –, jeder und jede einzelne ist frei, d.h. von seiner/ihrer Lebenserfahrung, von seinem/ihrem Gefühl her fähig, in das Lied der Daseinsgewissheit einzustimmen … oder eben nicht.
     
    Solche Einstimmung geschieht allerdings nicht nur im gottesdienstlichen Singen. Die Erfahrung, dass „Gott die Welt unterhält“ (Schroeter-Wittke) wird schon seit geraumer Zeit auf zumeist weitaus unterhaltsamere Weise in der Volksmusik und im Popsong gesanglich artikuliert. Mal „atemlos“ (Helene Fischer), mal „rebellisch“ (Frida Gold), „An Tagen wie diesen“ (Die Toten Hosen) oder „wenn ich mich nachts im Dunklen quäle“ (Ich + Ich), manchmal sogar „Unheilig“, stets aber so, dass auch musikalische Laien, ja selbst Zeitgenossen, die nach (nicht nur) eigenem Empfinden gar nicht singen können, lauthals einstimmen, mitgrölen und auf diese Weise Zugang finden zu den emotiven Grundkräfte des Lebens: Liebe und Glück, Schmerz und Freude, Dankbarkeit und Klage.
     
    „Da gibt es keinen Subtext, da gibt es keine Verdichtung. Der Schmerz ist hier Schmerz, die Liebe nichts als Liebe; beides ist unendlich“, wie der Züricher Psychoanalytiker und Schriftsteller Jürg Acklin in einem Zeitungsartikel über das Phänomen Eurovision Song Contest formulierte. Es gehört womöglich zu den von vielen Predigerinnen und Predigern geteilte Erfahrung, dass sich im gegenwärtigen Popsong bzw. Schlager auf eigentümliche Weise zu wiederholen scheint, was eine/r in der Jugendzeit bereits mit dem Kasettenrecorder aufgenommen und dann wieder und wieder abgenudelt hat. „Die Zeiten ändern sich und mit ihnen das Outfit, aber der Schlager bleibt gleich, auf ewig eben. Meine Mutter“, erinnert sich Acklin, „hat sie mitgesungen in der Küche, all die Highlights der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Sie gehören damit bis heute zu meinem musikalischen Repertoire. ‚Stell dieses seichten Quatsch ab‘, rief jeweils der Vater, ‚ich kann diesen Kitsch nicht mehr ertragen.‘ – ‚Ach, du hattest doch noch nie Gefühle‘, schleuderte ihm die Mutter entgegen und drehte den Apparat noch etwas lauter auf.“ (Acklin 2)
     
    „Ja, was der Hamburger für den Magen, ist der Schlager für die Seele. Hand aufs Herz: Wenn wir uns in einem anderen, gewissermaßen höheren Aggregatszustand befinden, also nicht mehr fest, sondern eher flüssig bis gasförmig: im Liebestaumel, dann werden auch verbiesterte Adorno-Adepten wohl kaum einen Zwölftöner pfeifen, sondern eher einen Schmachtfetzen hauchen. Plötzlich ist es gleichgültig, was das für schlichte Harmonien sind und was für armselige Satzkonstruktionen. (…) Da ist es auch bedeutungslos, dass der Schlager oft verwechsel- und austauschbar ist mit der Begleitmusik zur Waschmittel- oder Zahnpasta-Reklame. Und manchmal ragt aus der Fülle der Produktionen der Saison ein Lied heraus, schlägt plötzlich und unerwartet ein, wird zum Ohrwurm. Es bleibt ein Erzeugnis der Massenware – und doch wird es einzigartig, fasst die Stimmung eines Sommers, einer Generation oder eines ganzen Lebensalters zusammen. Liebende wie Sehnsüchtige fühlen sich in solchen Melodien besonders aufgehoben. Das kleine Bedürfniswesen Mensch in seinem Hautsack transzendiert für drei oder fünf Minuten.“ (Acklin, 2) 
     
    Der Popsong, der aus dem Autoradio tönt, durch das Ohr ins Hirn tröpfelt und – wie es scheint: beiläufig-unterhaltsam – das Herz erreicht, also Lebenssinn und Daseinsgewissheit aufruft, zieht mich als Hörer oder auch als Mitsängerin in den Bann, erfüllt meinen inneren Erfahrungsraum mit einer „Wolke“ letzter Bedeutsamkeit. Hier werden „das Gefühl und die Gefühle … vielfältig codiert und inszeniert.“ (Brinkmann, 157) Diese popkulturelle „Seite der Alltagsreligion der Leute“ (Schroeter-Wittke) sollte darum für die Kasualpredigt am Sonntag Kantate den auch texthermeneutisch entscheidenden Verstehenshintergrund darstellen. Es geht um das Singen, um die Musik, um die Kraft der Töne und Klänge – und um die in und mit ihnen unendlich gesteigerte Macht der Worte.
     
    Ernst Lange, der der Meinung war, dass im Grunde jede „Sonntagspredigt in ihrer Problematik von der Kasualrede her verstehbar“ (Lange, 22) sein müsse und darum auf eine sorgfältige Wahrnehmung und homiletische Erschließung der „besonderen Situation“ drängte, in der konkrete „Erfahrungen, Erwartungen, Konventionen und Vorverständnisse“ der Predigt „einen bestimmten Widerstand leisten, aber auch bestimmte, besondere Kommunikationswege und Kommunikationschancen eröffnen“, stellte die Forderung auf, der Predigttext müsse im Interesse einer interpretativen Deutung eben dieser Situation „nicht eigentlich zünftig ausgelegt, sondern … verbraucht werden.“ (Lange, 23)
     
    VI Predigtschritte: „Ich sing dir mein Lied – in ihm klingt mein Leben“
    Ähnlich wie auch am nächsten Sonntag Rogate besteht in meinen Augen die besondere homiletische Herausforderung in diesem Gottesdienst darin, dass in sinnvergewissernder Deutung über etwas gesprochen werden soll, was eigentlich gerade im Vollzug seine Kraft entfaltet. Die Predigt muss sich darum der kirchenmusikalischen Inszenierung einfügen. Hilfreich mag dabei der Bezug auf ein das traditionelle biblische Votum des Sonntag (Ps 98,1) aufnehmende Lied sein, das im Entwurf zur Erprobung als eines der drei Wochenlieder vorgeschlagen wird: „Ich sing dir mein Lied“, eine von Fritz Baltruweit und Barbara Hustedt 1994 ins Deutsche übersetzte brasilianische Weise.
     
    Im Singen manifestiert sich eine Lebenskraft besonderer Art, eine Macht, die ganz anders ist als das, was wir sonst als Macht kennen. Nicht mit Waffengewalt, nicht durch Herrschaft und Zwang wird hier Macht ausgeübt, auch nicht durch Erziehung oder Regierungsprogramme. Es sind nicht überzeugende Reden oder glaubwürdige Handlungen, die uns in den Bann schlagen. Die Musik und das Singen garantieren auch keinen wirkungsvollen Schutz vor Krankheit, Vereinsamung oder Tod.
     
    Und doch ist sie kräftig und mächtig in jedem, in jeder von uns. Es ist die Kraft, es ist die Macht des Singens selbst, die ein Neues in uns zum Klingen bringt, unsere engen Grenzen überschreitet, ekstatisch uns einstimmen lässt in den Sinn, den Glanz des Lebens.
     
    Während Worte, wie die Hirnforschung herausgefunden, in erster Linie die kognitive Intelligenz und das Gedächtnis beschäftigen, erreicht die Welt der Klänge und Töne andere Hirnregionen, nämlich die so genannte „emotionale Intelligenz“, die Sphäre des Gefühls und der Stimmungen. Klänge und Töne sorgen für eine innere Resonanz, lösen Probleme auf, vor denen der Verstand, auf sich allein gestellt, oftmals kapitulieren muss.
     
    Werkstück Gottesdienst (ein Stück Predigt)
    Manchmal ist Musik die beste Medizin: Wenn einem unvermutet ein altes Lied einfällt oder ein Popsong im Radio erklingt, ein Schlager, der uns einmal viel bedeutet hat, mit dem sich jedenfalls Erinnerungen aus früheren Tagen verbinden – dann kann einem plötzlich warm werden und leichter ums Herz, vielleicht summen, ja singen wir unwillkürlich, spontan mit…
    Jeder und jede von uns wird ja ganz eigene Erfahrungen mit Liedern und Musik haben. Jede Generation hat ihre Schlager, und die musikalischen Geschmäcker und Vorlieben sind so verschieden, wie wir auch sonst verschieden sind. Alle aber dürfte doch die Erfahrung verbinden, dass Musik eine besondere Wirkung in uns erzeugen, eine ganz eigentümliche Macht auf uns ausüben kann, ein neues Lied, ein Wunder!  
     
     
    Lieder:
    EG 272 „Ich lobe meinen Gott“
    Singt Jubilate 110 „Ich sing dir mein Lied“
     
    Literatur:
    Jürg Acklin, Dein ist mein ganzes Herz. Warum wir Schlager lieben und Unterhaltungsmusik brauchen: ein Plädoyer für den Eurovision Song Contest, in: Süddeutsche Zeitung vom 5. Mai 2014;
    Frank Thomas Brinkmann, I will always have my feelings. Zur Inszenierung von Gefühlen in (musikalischen) Popkulturen, in: L. Charbonnier u.a. (Hg.), Religion und Gefühl. Praktisch-theologische Perspektiven einer Theorie der Emotionen (FS Wilhelm Gräb), Göttingen 2013, 157-171;
    Ernst Lange, Zur Theorie und Praxis der Predigtarbeit (1968), in: Ders., Predigen als Beruf, hg. von R. Schloz, München 21987, 9-51
     
    Ein weiteres Beispiel für einen modernen Psalm: „Dieses Leben“ der Popformation „Juli“ aus dem Jahr 2006: http://www.songtexte.com/songtext/ juli/dieses-leben-43da0b93.html (abgerufen am 20.3.15).
     
    Verfasser:
    Dr. Martin Kumlehn
    Kirchenstr. 7
    18059 Ziesendorf
    Martin.Kumlehn@t-online.de

     
    redigiert von M. Kumlehn (Martin.Kumlehn@t-online.de)

  • 10.05.2015

    Rogate

    10.05.2015

    Sir 35,16-26

    16 Gott hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten.
    17 Er verachtet das Gebet der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie klagt.
    18 Die Tränen der Witwen fließen die Backen herab
    19 und schreien gegen den, der sie hervorgerufen hat.
    20 Wer Gott dient, wie es ihm gefällt, der ist ihm angenehm, und  sein Gebet reicht bis in die Wolken.
    21 Das Gebet der Elenden dringt durch die Wolken und lässt nicht ab, bis es vor Gott kommt, und hört nicht auf, bis der Höchste darauf achtet.
    22 Und der Herr wird recht richten und bestrafen und nicht säumen noch Langmut zeigen, bis er den Unbarmherzigen die Lenden zerschmettert
    23 und an solchen Leuten Vergeltung übt und alle Gewalttätigen vernichtet und die Macht der Ungerechten zerschlägt.
    24 Er wird den Menschen nach ihren Taten vergelten und wird an ihnen handeln nach ihren Plänen,
    25 er wird seinem Volk Recht schaffen und es erfreuen mit seiner Barmherzigkeit.
    26 Wie der Regen erquickt, wenn es lange trocken gewesen ist, so lieblich ist seine Barmherzigkeit in der Zeit der Not.

    Predigtstudie zum Sonntag Rogate: (Tränen-)Ausbrüche und (Himmels-)Durchbrüche (Reihe V)

    Predigtstudie zum Sonntag Rogate: (Tränen-)Ausbrüche und (Himmels-)Durchbrüche (Reihe V)

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    A Martin Bauspieß
    I Eröffnung: Ein Recht zum Klagen und Weinen
    Was tun wir, wenn wir beten? Warum beten wir? Das ist die Frage, vor die uns der Sonntag Rogate mit seiner Aufforderung zum Gebet stellt. Der Text aus dem Sirachbuch bietet dazu eine Perspektive, die auf den ersten Blick Widerstände in mir auslöst. Da ist die Rede von einem zornigen und gewalttätigen Gott, der grausam bestraft (V. 22 und 23). Und schließlich wird ein Gericht nach Werken in Aussicht gestellt, in dem jeder – im Sinne einer iustitia distributiva – am Ende erhält, was er sich durch seine Taten im Leben verdient hat (V. 24). Warum dann noch beten? Dient hier das Gebet nicht nur zur Heraufbeschwörung des Unheils auf die Feinde, zur Selbstvergewisserung in einer Situation der Bedrängnis? Wie problematisch die Verbindung von Religion und Gewalt ist, bekommen wir in diesen Tagen angesichts des Mordens des „Islamischen Staates“ in erschreckender Weise vor Augen geführt. Aus diesem Grund gilt es, auch die entsprechenden „dunklen Stellen“ unserer eigenen Tradition in den Blick zu nehmen. Dies umso mehr, als die neue Perikopenreihe in diesem Fall einen Text aus dem Sirach-Buch einführt, das kein Bestandteil des Kanons der Lutherbibel ist und deshalb bislang nicht gepredigt wurde. Wenn dieser Text uns am Sonntag Rogate zu denken gibt, dann nur, wenn wir seine problematischen Passagen nicht ausblenden. Er stellt uns dann vor die Frage, ob das Gebet mehr und anderes sein könnte als eine magische Beschwörung Gottes zur Durchsetzung unseres eigenen Willens. Und so drängen sich dann auch andere Töne in den Vordergrund. Eindringliche Bilder mit seelsorgerlicher Tiefe, die mich berühren. Die Gewissheit, dass gesellschaftlicher Status und Hierarchien, denen wir in unserem täglichen Leben unterworfen sind, relativiert werden (V. 16 und 17). Vor allem aber das Recht zum Klagen und Weinen (V. 18). Die Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit für diese Welt, die der Erfahrung von Ungerechtigkeit entgegengehalten wird. So führt uns dieser Text gerade in seiner Sperrigkeit in die Spannungen hinein, die mit der Frage, was wir tun, wenn wir beten, ausgelöst werden.
     
    II Erschließung des Textes: Ein Spalt in den Wolken
    1. Die Tradition übersetzen: Dem Prolog zufolge wurde das Buch (wohl zwischen 190-175 v. Chr.) zwar ursprünglich auf Hebräisch geschrieben, in der vorliegenden Fassung aber von dem Enkel des Verfassers (Ben Sira) in Ägypten für Diasporajuden in die griechische Sprach- und Denkwelt übersetzt. Die Aussagen über das Gebet, die unseren Abschnitt beherrschen, sind in der Situation des Diasporajudentums in hellenistischer Zeit zu verorten, in einem Zeitraum, „in dem unter günstigen Bedingungen die erste Begegnung zwischen Hellenismus und Judentum stattfand“ (Hengel, 20). Der Verfasser, Ben Sira, versteht sich als „Weisheitslehrer“ mit prophetischen Zügen, der dem Judentum seiner Zeit ein gesetzestreues Leben nahebringen möchte (SirProlog 35f.). Ein Leben nach dem Gesetz ist für das Judentum in hellenistischer Zeit zur Wahrung der eigenen religiösen Identität wichtig. Gleichzeitig ist deutlich, dass dies nur dann gelingt, wenn die Tradition wirklich über-setzt und nicht einfach nur wiederholt wird. So fern ist uns Christen in einer sich zunehmend religiös pluralisierenden Gesellschaft diese Situation nicht.
     
    2. Himmlische Dimension – Erweiterung des Lebens: Durch die unserem Textabschnitt vorangehenden Verse (V. 14 und 15) wird der Zusammenhang mit der jüdischen Opferpraxis deutlich. Ben Sira kritisiert nicht die Opferpraxis an sich, wohl aber macht er deutlich, dass die Kultpraxis sich auf den konkreten Umgang mit den Mitmenschen auswirken muss. „Wenn ein Opfer … mit der Vernachlässigung sozialer Pflichten verbunden ist, dann ist dies ein Tun, das Gott nicht gefällt“ (Sauer, 246). Bei Ben Sira wird somit jene prophetische Kultkritik sichtbar, die sich auch in der Verkündigung Jesu findet. Dabei betont das Sirachbuch, dass die Tora zum Schutz der gesellschaftlich Schwachen da ist. Das einzige, was sie, die keine Opfergaben darbringen können, haben, ist ihr Gebet. Diesem Gebet wird die Erhörung durch Gott verheißen. Es „dringt durch die Wolken“. Trost gibt es nach diesem Text nur, wenn die Klage vor Gott dringt (V. 21). Ohne die Dimension des Himmels, in einer Welt ohne Gott, gibt es keinen Trost. Mit dem Bezug auf Gott kommt eine andere Dimension menschlicher Lebenswirklichkeit ins Spiel. Darauf kommt es beim Gebet an: Es hält die menschliche Lebenswelt gleichsam „offen“ für eine die innerweltlichen Erfahrungen transzendierende Dimension, für ein „Mehr“ an Wirklichkeit, um das zu kämpfen sich gerade heute lohnt. „Erhörung“ ist zunächst nichts anderes als die Erfahrung des „Realismus der Barmherzigkeit“ (Schneider-Flume), die Einsicht, dass wir Menschen davon leben, dass wir erhört werden und Leben geschenkt bekommen, das uns nicht zur Verfügung steht.
     
    3. Verlagerung der Aggression: Fast scheint es, als mache der Text mit seiner Fortsetzung in V. 22–24 diese Einsicht zunichte. Denn mit dem Heraufbeschwören des Gerichts über die Ungerechten bleibt er eben doch einem Vergeltungsdenken verhaftet, so sehr man dies durch den Hinweis auf „den Gedanken des Ausgleichs“ abzuschwächen versuchen mag (Zapf, 234). Das „Zerschlagen der Lenden“ deutet auf die vollständige Entmachtung und Entwaffnung der Ungerechten (ebd.) und ist damit Ausdruck einer tiefen Sehnsucht, dass endlich einmal damit Schluss ist, dass Menschen einander das Leben schwer machen oder es sogar bedrohen. Wir wissen aber doch eigentlich, dass Unrecht nicht durch Vergeltung aus der Welt geschafft, Gewalt nicht durch Gegengewalt geheilt wird. Auch dann nicht, wenn man die Gewalt in Gottes Hand legt. Denn die Vorstellung eines dreinschlagenden Gottes erweckt doch den Verdacht einer Verlagerung der Aggression, die keine Überwindung darstellt und die Gefahr in sich birgt, im Namen Gottes selbst zur Vergeltung zu schreiten.
     
    4. Den Kreislauf der Gewalt durchbrechen: Wenn aber die Wirklichkeit Gottes wirklich etwas aufbrechen soll, dann müsste auch gefragt werden, was rechtes Beten ist, worum mit Recht gebetet werden darf. Die Predigt am Sonntag Rogate kommt deshalb wohl nicht aus ohne den Bezug auf das Gebet, das Jesus seinen Jüngern gibt und ihnen als das rechte Gebet vorstellt: Die Bitte um das Kommen des Reiches Gottes, die Gewährung der Lebensgrundlagen, die Vergebung der Schuld und die Befreiung vom Bösen. Mit seiner Betonung der Erhörungsgewissheit steht der Abschnitt aus dem Sirachbuch der Einbettung des Vaterunsers im Lukasevangelium nahe (Lk 11,2–4), wo dieser Aspekt mit dem folgenden Gleichnis vom bittenden Freund (Lk 11,5–13) erläutert wird. Vor allem die letzte Bitte des Vaterunsers gewinnt vor dem Hintergrund des zum Text aus dem Sirachbuch Gesagten an Bedeutung: Wer so betet, der betet nicht um die Hinzufügung neuer Gewalt, sondern um die Überwindung des Bösen. Indem jemand so betet, kommt mit Gott die Vision einer wirklichen Überwindung des Kreislaufs von Gewalt und Gegengewalt in den Blick. Wenn das Gebet so wirklich die Wolken durchdringt, dann hinterlässt es in den Wolken einen Spalt, durch den die Gerechtigkeit Gottes wie ein Lichtstrahl durch eine durchbrochene Wolkendecke fällt und unsere Welt in ein neues Licht taucht. Diese Durchbrechung geschieht im tiefsten Sinne durch die Hingabe Jesu am Kreuz. Hier wird sichtbar, dass Gewalt nicht durch Gegengewalt durchbrochen wird, sondern nur überwunden werden könnte, wenn der Zusammenhang selbst durchbrochen würde.
     
    Das Gebet bedeutet so die Öffnung des Menschen hin auf die Dimension Gottes. Es ist mehr und anderes als die Bitte um die Erfüllung von Wünschen, die ein Mensch sich nicht selbst erfüllen kann. Dann aber wird die oft an die Kirche gerichteten Fragen, was sie denn eigentlich beizutragen haben, nicht so beantwortet, dass das Gebet „verzweckt“ wird, sondern wirklich sein Sinn erschlossen, der in der Öffnung und Wandlung des Menschen besteht, die je und je neu geschehen müssen. Darum beten wir immer wieder aufs Neue. So erweist sich der Imperativ: „Rogate“ – „Betet!“ nicht als einengender Befehl, sondern als Ruf in die Freiheit, nicht zuletzt von uns selbst.
     
    III Impulse
    Das Thema der Predigt sollte deshalb aus meiner Sicht die Frage nach dem Sinn des Gebets sein. Die Frage: „Was tun wir, wenn wir beten?“ könnte am Anfang der Predigt stehen, die dann die verschiedenen Aspekte des Predigttextes zum Klingen bringt und so zur Frage führt, wie das Gebet existenzbestimmend sein kann, worin sich eine „betende Existenz“ von einem nicht-betenden Menschen unterscheidet. Die Befreiung, die der Imperativ des Sonntags bedeutet, lässt sich konkret zusprechen. Im Gottesdienst könnte versucht werden, die angesprochene Öffnung durch das Gebet erfahrbar zu machen, etwa durch das Errichten einer „Klagemauer“ bzw. Gebetswand, an die die Gottesdienstbesucher ihre Klagen und Bitten anbringen können:
     
    Werkstück Gottesdienst (Gebetswand)

    Im Altarraum wird eine Stellwand aufgebaut, an die vor der Predigt (evtl. nach der Schriftlesung) Symbolzettel mit Gebetsanliegen bzw. formulierten Gebetsbitten angebracht werden können. Die Zettel haben verschiedene Formen, die die Gebetsbitten charakterisieren: Tränen, Steine, Sonnen, Wolken o.ä.
     
    „Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und überlegen Sie, worum Sie gerne beten möchten, was Ihnen auf dem Herzen liegt. Wählen Sie die Ihrer Gebetsbitte entsprechende Kartenform und bringen Sie den Zettel hier vorne an.“
     
    Auch das Bild der durchbrochenen Wolkendecke, durch die ein Lichtstrahl hindurchfällt, könnte aufgenommen werden, indem ein solches Bild an die Wand projiziert und in der Predigt betrachtet wird: „Was geschieht, wenn wir beten? Was haben Sie gerade erfahren, als Sie Ihre Bitten hier vorne angebracht haben?“
     
    Einige der Bitten könnten schließlich ins Fürbittengebet aufgenommen werden.
     
    Literatur:
    Martin Hengel, Judentum und Hellenismus. Studien zu ihrer Begegnung unter besonderer Berücksichtigung Palästinas bis zur Mitte des 2. Jh.s v. Chr, (WUNT 10), Tübingen 31988.
    Georg Sauer, Jesus Sirach / Ben Sira, Das Alte Testament Deutsch, Apokryphen Band 1, Göttingen 2000.
    Gunda Schneider-Flume, Realismus der Barmherzigkeit. Über den christlichen Glauben, Stuttgart 2012.
    Burkard M. Zapf, Jesus Sirach. 25-51, Die Neue Echter Bibel, Kommentar zum Alten Testament mit der Einheitsübersetzung, Stuttgart 2010.
     
    Verfasser:
    Dr. Martin Bauspieß
    Pfarrer in Unterhausen und Honau (Württembergische Landeskirche)
    Schulstraße 17
    72805 Lichtenstein


     
    B Christian Mulia
    IV Entgegnung: Beten als Lebenszeichen
     Die inneren Widerstände von A im Blick auf die erhoffte Bestrafung und Vernichtung der Übeltäter (VV. 22-25) kann ich nur zu gut nachvollziehen und setze diesen Gewaltbildern entgegen: Beten ist ein Lebenszeichen, genau genommen lebendige Kommunikation. Wer Gott sein Leid klagt, so wie die Witwen und Waisen, der findet sich nicht mit seiner jetzigen Situation ab (VV. 16-19). Er sehnt sich vielmehr nach einem unversehrten, erfüllten Leben. Und er bringt dies in Worten wie Gesten zum Ausdruck (Sender). Seine Klagen und Wünsche, so der zweite Aspekt, richtet der Gläubige an ein Gegenüber, das Menschen als Quelle und Grund ihres Lebens erfahren haben (Empfänger). Überdies wohnt dem Gebet selbst eine ausdauernde Dynamik inne (V. 21): Es dringt beharrlich durch die Wolken zu Gott vor und drängt auf dessen Beachtung (Nachricht/Medium). Viertens und schließlich wird das Gebet dergestalt erhört, dass der Betende einen erquickenden Regen von oben erfährt (V. 26), also neue Lebenskraft und -zuversicht von Gott empfängt (Umkehrung von Sender- und Empfängerrolle).
    Nun ist aus unserer Alltagserfahrung wie von sprachwissenschaftlicher Seite hinlänglich bekannt, dass gelingende Kommunikation eher einen Glücksfall darstellt. Auch das Gebet ist für den Klagenden wie Bittenden ein riskantes Unterfangen (s.u.): Erstens scheint die ‚Sprache der Tatsachen‘ immer wieder die ‚Sprache der Verheißung‘ (Ernst Lange) zu übertönen. Und zweitens ereignet sich die Erhörung unserer Gebete womöglich anders, als wir es uns gedacht haben oder wünschen würden. Angesichts dessen gilt es, hier folge ich A, den „Sinn des Gebets“ und die Form der „betenden Existenz“ in den Mittelpunkt zu stellen.
     
    V Erschließung der Hörersituation: Beten zwischen Wunsch und Wirklichkeit
    1. Beten empirisch – gelegentliche Zwiesprache mit Gott
    Das Gebet steht im Zentrum der Religion, auch im gelebten Christentum hierzulande. Laut vierter Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD von 2002 kommt es bei mehr als zwei Dritteln der Evangelischen vor, dass sie beten (West: 71 % / Ost: 68 %). Hinsichtlich der Gebetsinhalte beten sie um Gottes Hilfe in schwierigen Situationen (West: 71 % / Ost: 69 %), für das Wohl der nächsten Angehörigen und Freunde (58 % / 62 %) und zum Dank Gottes für alles Gute und Schöne (50 % / 57 %), wohingegen die Aussage „Ich klage Gott mein Leid“ auf dem vorletzten Platz (20 % / 26 %) rangiert (vgl. Huber, 462-464).
     
    Aufschlussreich sind die Ergebnisse einer religionspsychologischen Studie zur „Spiritualität des Betens“ (2011) bei jungen Erwachsenen und Hochbetagten. Während in der ersten Befragungsgruppe 13 % beim Beten nie oder selten die Hoffnung haben, dass Gott ihre Bitte erfüllt, sind es in der zweiten 44 %. Im höheren Alter gewinne „die Gelegenheit, mit Gott über seine Probleme und Bedürfnisse zu sprechen“, an Gewicht gegenüber der Frage, ob „das Bittgebet im Konkreten beantwortet wird“ (Zimmermann/Möde, 49). In Spannung zu den weiteren homiletischen Ausführungen steht der Befund, dass die Hälfte der Jüngeren und drei Viertel der Senioren nie oder selten eine veränderte Selbstwahrnehmung im Gebet feststellen (a.a.O., 60-62).
     
    2. Sich der Anfechtung aussetzen
     Wer seine Bitten und Klagen an Gott richtet, der riskiert etwas. Anfechtung bildet die Kehrseite unserer Gebete und entkräftet unsere Hoffnungen. So gibt die Geschichte reichlich Zeugnis davon, dass sich unsere Wünsche selten unmittelbar und unverzüglich erfüllen – eine Grunderfahrung, die im Übrigen auch Ben Sira keineswegs fremd ist (Sir 2,1-23). Mit eindrücklichen Worten hat Karl Rahner in seinen Meditationen „Von der Not und dem Segen des Gebetes“ (1949) das Bittgebet auf der Anklagebank gesehen:
     
    „Und was sie sagen gegen das Bittgebet, ist die eine und selbe Klage der Verzweiflung, der Enttäuschung, des zornigen oder des müden Unglaubens. Und diese Klage heißt […]: Wir haben gebetet, und Gott hat nicht geantwortet. Wir haben geschrien, und Er ist stumm geblieben. […] Wir haben glühende, beschwörende Worte zum Himmel emporgesandt. Es hat nichts genützt. Wir haben einfach wie Kinder geweint, die wissen, daß der Schutzmann die Verirrten dann schließlich doch nach Hause bringt. Aber niemand kam, der uns die Tränen aus den Augen wischte und uns tröstete.“ (Rahner, 76f.)
     
    Was die Verteidigung den Vorwürfen entgegensetzen kann, davon hat die Predigt zu handeln.
     
    3. Kindliches statt kindischem Beten
    Beim Beten gilt es, die asymmetrische Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf zu beachten. Kindisch-magisch wäre es zu glauben, man könne Gott durch inständige Gebete zu einem Handeln veranlassen, das er nicht ohnehin für uns im Sinne hätte. Keine kindische, wohl aber eine kindliche Haltung gegenüber dem Gebet sollen wir einnehmen: weil wir wie Kinder ganz auf Gottes Zuwendung angewiesen sind und weil wir uns an Jesu Gebetspraxis – das von A fokussierte „Vaterunser“ ist der Evangeliumstext für den Sonntag Rogate – ausrichten. Beten steht unter dem Vorzeichen, dass „euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet“ (Mt 6,8).
     
    „Das Gebet bewirkt nicht, daß Gott das Erbetene gibt, sondern im Gebet empfängt der Mensch das, was Gott ihm geben will. Umgekehrt gilt jedoch: Die Unterlassung des Gebets verhindert, daß Gott dem Menschen das Verheißene gibt, weil der Mensch nicht empfängt, was Gott ihm geben will.“ (Härle, 242)
     
    Beten ist demnach nicht Machen, sondern Empfangen, nicht Einwirken auf Gott, sondern Wirksamwerden seines Geistes in uns und in der Welt.
     
    VI Predigtschritte: Fließende Bewegungen – von menschlichen Tränen zu himmlischem Regen
    1. Tränen und Trost: Mein Ausgangspunkt ist unser „Recht zum Klagen und Weinen“ (so A). Letzteres ist ein gleichermaßen hörbares (Schluchzen) wie sichtbares (Tränen) Signal, durch das Menschen sich ausdrücken, auf sich aufmerksam machen und nach Hilfe verlangen (siehe Werkstück Gottesdienst).
     
    2. Kindliches und kindisches Beten: Mit Bezug auf Dietrich Bonhoeffers Aphorismus „Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen“ wäre ein magischer Gebetsautomatismus ebenso zu problematisieren wie unser drängendes und – gerade aus der Sicht der Geschundenen und Leidenden (Sir 35,22-25) – ernst zu nehmendes Verlangen danach, Gott möge mit einem Handstreich alle Übel(täter) der Welt beseitigen.
     
    3. Beten als Lernprozess: Wie beim Streben nach Weisheit (Sir 6,18-37) handelt es sich beim Beten um eine Grundhaltung wie Grundbewegung, die es lebensgeschichtlich einzuüben und von anderen abzuschauen gilt.
     
    a) Das Herz öffnen: Dass wir ‚im Gebet unser Herz für Gott öffnen‘ (Rahner, 41), bedeutet zunächst: Wir durchbrechen das quälende Kreisen um uns selbst. Gott gegenüber fassen wir in Worte, was uns innerlich bewegt und bedrückt. Indem wir unsere Bedürfnisse und Nöte ausdrücken und an Gott adressieren, gewinnen wir einen heilsamen Abstand von uns selbst. Exzentrisch bewegen wir uns auf eine andere Lebensmitte zu.
     
    b) Den Mantel weit ausbreiten: Diesem expressiven und kommunikativen Sinn des Gebets entspricht – als ‚dialogische‘ Gegenbewegung von Gott zu den Menschen – die empfängliche Haltung des Beters (vgl. Härle, 232f.). Das hat Martin Luther im „Großen Katechismus“ (1529) trefflich ins Bild gesetzt: „Darum will Gott auch haben, dass du ihm diese Not und diese Anliegen klagst und zur Sprache bringst – nicht, weil er es nicht längst wüsste, sondern damit du dein Herz anfeuerst, desto stärker und mehr zu begehren, und damit du gleichsam den Mantel nur weit genug ausbreitest und öffnest, um viel zu empfangen.“ (Luther, 594)
    Im so verstandenen Gebet, bei dem das Ansehen der Person nicht zählt (Sir 35,16f.), kommt die Rechtfertigung allein aus Glauben zum Ausdruck und wird lebenspraktisch wirksam.
     
    4. Gebetserhörung als Erfrischung für die Seele: Was lässt sich der Anklage, dass unsere Gebete wirkungslos seien und einer nutzlosen Projektion aufsäßen, entgegensetzen (s.o.)? Zum einen lenkt Ben Sira den Blick zurück auf eine lange Generationenkette von Glaubenszeugen, die ebenso wie wir dem Spannungsverhältnis von Klage, Hoffnung und Erfüllung ausgesetzt waren (Sir 44-49). Zum anderen dient uns der Gottessohn zum Vorbild, der um sein Leben gerungen, aber letztlich – im Vertrauen auf den Vater – in dessen Heilswillen eingestimmt hat (Mt 26,39.42). Und noch mehr ist an der Menschwerdung Gottes deutlich geworden: „Nicht zuletzt die Geschichte Jesu Christi zeigt, dass Gott sich von des Menschen Not und Elend bewegen lässt, und zwar so bewegen lässt, dass er sich selbst dem Leiden und dem Tod aussetzt.“ (Tietz, 336)
     
    Wenn Gott unsere Gebete erhört – dieses Versprechen hat er uns gegeben (Lk 11,9f.) –, dann gehen unsere Wünsche vielleicht nicht wie gedacht in Erfüllung. Aber wir werden seiner Fürsorge gewiss – eine Lebensvergewisserung, die uns Not durchstehen lässt und wieder handlungsfähig macht. Gottes Wirken nicht allein innerlich, sondern auch in einer zerrissenen Welt gewahr werden zu können, dies klingt in Ben Siras verheißungsvollem – das Wohl des Einzelnen und der Schöpfung umspannenden – Schlussakkord an: Auf die Tränen der Leidgeplagten (VV. 18f.) reagiert Gott mit einem erquickenden Regen (V. 26), der den verdorrten Boden wieder befeuchtet und Neues wachsen lässt.
     
    Werkstück Gottesdienst: Tränen und Trost (Predigteinstieg)
     
    Für Säuglinge ist das Weinen und Schreien lebenswichtig. Denn nur so können sie ihre Bedürfnisse anderen gegenüber mitteilen. Auf diesem Wege machen sie auf sich aufmerksam, bitten ihre Eltern um Nahrung und Hilfe, Schutz und Wärme. Solche Schreie nach Leben können sehr eindringlich und ausdauernd sein. Sie verstummen in der Regel nicht, bevor sie ihr Ziel erreicht haben. Sie geben nicht nach, bevor sie Gehör finden. Sie klingen erst ab, wenn das Baby spürt: Ich bin nicht allein; mir wendet sich jemand zu, der meinen Hunger und Durst zu stillen vermag.
     
    Auch im späteren Leben behält das Weinen diese soziale Funktion: Es ist Zeichen der Überwältigung, oftmals der Hilflosigkeit und des Schmerzes. Es lässt andere nicht kalt, sondern weckt ihr Mitgefühl. Tränen zielen auf Tröstung ab. Weinen stellt insofern eine Urform des Gebets dar, als hier deutlich wird: Mir widerfährt etwas, das meine Kräfte und meine Möglichkeiten übersteigt. In diesen Situationen werde ich dessen gewahr – und habe es mir einzugestehen –, dass ich auf andere angewiesen bin. Ich kann nicht anders als weinen oder schreien – und beten.
     
    Lieder: EG 165 „Gott ist gegenwärtig“; EG 625 (EKHN) „Wir strecken uns nach dir“
     
    Literatur:
    Wilfried Härle, Den Mantel weit ausbreiten. Theologische Überlegungen zum Gebet, in: NZSTh 33 (1991), 231-247.
    Wolfgang Huber u.a. (Hg.), Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh 2006.
    Martin Luther, Der Große Katechismus (1529), in: Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, Gütersloh 62013, 501-643.
    Karl Rahner, Der betende Christ. Geistliche Schriften und Studien zur Praxis des Glaubens (Sämtliche Werke 7), Freiburg i.Br. 2013, 39-116.
    Christiane Tietz, Was heißt: Gott erhört Gebet?, in: ZThK 106 (2009), 327-344.
    Christine Zimmermann/Erwin Möde, Spiritualität des Betens. Empirische Gebetsforschung (Glaube und Ethos 11), Berlin 2011.
     
     
    Verfasser:
    Dr. Christian Mulia
    Pfarrer im Ehrenamt
    Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Mainz
    Saarstraße 21
    55099 Mainz

     
    redigiert von

  • 10.05.2015

    Rogate

    10.05.2015

    Dan 9,4-5.16-19

    4 Daniel sprach: Ich betete aber zu dem HERRN, meinem Gott, und bekannte und sprach: Ach, Herr, du großer und heiliger Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten!
    5 Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen.
    6 Wir gehorchten nicht deinen Knechten, den Propheten, die in deinem Namen zu unsern Königen, Fürsten, Vätern und zu allem Volk des Landes redeten.
    16 Ach Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk  Schmach bei allen, die um uns her wohnen.
    17 Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Antlitz über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr!
    18 Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
    19 Ach Herr, höre! Ach Herr, sei gnädig! Ach Herr, merk auf! Tu es und säume nicht – um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt.

    Herausgeber
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    StichWORT: Trümmer, überblüht (Reihe V)

    StichWORT: Trümmer, überblüht (Reihe V)

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    Wort:
    Feuerofen und Löwengrube - Daniel kommt durch alles durch. In der Kinderbibel wird von ihm und seinem spannenden Leben gerne ausführlich und reich bebildert erzählt. Ansonsten ist man sich über seine Bedeutung nicht ganz einig. Zu den Propheten gehört er aus Sicht der jüdischen Auslegung eher nicht, seine Prophezeiungen beziehen sich schließlich nur auf die Zukunft und weniger auf die Gegenwart. In dem für den Sonntag Rogate vorgeschlagenen, neu zu erprobenden Text finden wir Daniel sehr auf dem Boden der Tatsachen wieder. Die Frage nach der Dauer des babylonischen Exils treibt ihn um. Sie bleibt für ihn unbeantwortet. Die Datierung in das erste Jahr der Herrschaft des Darius (Dan 9,1) ist, so wissen wir heute, reine Fiktion. Neu ist bei Daniel die Übertragung eines „Tun-Ergehen-Zusammenhangs“ auf das Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk. Was im Dekalog in Ex 20, 5f. bereits anklingt, hat sich in der Wirklichkeit des babylonischen Exils (der erzählten Zeit des Danielbuchs) schmerzhaft erfüllt.
    Und dennoch hält Daniel fest an der Zuwendung Gottes zu seinem Volk. Sein Buch ist ein „Trostbuch für Menschen, die in ihrer Existenz und Identität bedroht waren“[1]. Und ein Beispiel für die verändernde Kraft des Gebets. Gott bleibt gerade in der Anerkenntnis individuellen und kollektiven Versagens ein Gegenüber für Daniel. Sein Gebet ist nicht „Ersatz eigenen Handelns, sondern das Bewusstsein des Anerkanntseins, das zu einer neuen, erweiterten Sicht der Möglichkeiten des eigenen Handelns führt“ (Dietrich Korsch).
    Im Zusammenhang mit der Erinnerung an das Ende des 2. Weltkriegs vor siebzig Jahren, die an diesem Sonntag ein Thema sein sollte, bekommen die Erwähnung der siebzig Jahre im Kontext des Predigttextes und vor allem die Bedeutung des Eingeständnisses eigener Schuld ihre aktuelle Bedeutung für die Gegenwart.
    Gerade angesichts der Diskussionen, etwa um das Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen, aber auch um die „Kriegskinder“ und –enkel darf bei allem Gewinn, den dieser Zugang für die Vergangenheitsbewältigung bedeutet, nicht das Thema der individuellen und kollektiven Schuld aus dem Blick geraten. Es waren „unsere Mütter, unsere Väter“ (so der Titel des TV-Mehrteilers von 2013), die sich durch ihr Tun oder Lassen (mit)schuldig machten. In diesem Bewusstsein lässt sich Daniels Gebet an diesem Sonntag als ein Bußgebet mitsprechen.
     
    Stich:

    Bleibtreu heißt die Straße

    Vor fast vierzig Jahren wohnte ich hier;
    ... Zupft mich was am Ärmel, wenn ich
    So für mich hin den Kurfürstendamm entlang
    Schlendere - heißt wohl das Wort.
    Und nichts zu suchen, das war mein Sinn.
    Und immer wieder das Gezupfe.
    Sei doch vernünftig, sage ich zu ihr.
    Vierzig Jahre! Ich bin es nicht mehr.
    Vierzig Jahre. Wie oft haben meine Zellen
    Sich erneuert inzwischen
    In der Fremde, im Exil.
    New York, Ninety-Sixth Street und Central Park,
    Minetta Street in Greenwich Village.
    Und Zürich und Hollywood. Und dann noch Jerusalem.
    Was willst du von mir, Bleibtreu?
    Ja, ich weiß, Nein, ich vergaß nichts.
    Hier war mein Glück zu Hause. Und meine Not.
    Hier kam mein Kind zur Welt. Und mußte fort.
    Hier besuchten mich meine Freunde
    Und die Gestapo.
    Nachts hörte man die Stadtbahnzüge
    Und das Horst-Wessel-Lied aus der Kneipe nebenan.
    Was blieb davon?
    Die rosa Petunien auf dem Balkon.
    Der kleine Schreibwarenladen.

    Und eine alte Wunde, unvernarbt.

    (aus: Mascha Kaleko: In meinen Träumen läutet es Sturm, München 1997, S. 186)
     
     

    Predigt zu Dan 9, 4f.16-18:
     
    Trümmer, überblüht 

    Es ist ein Dienstag und die Sonne scheint. Die Bäume blühen wie zum Trotz, wie gegen alle Zerstörung. Sie blühen in den Parks der Städte oder in dem, was von den Parks übriggeblieben ist. Es blüht auch in den Vorgärten der Häuser, die stehengeblieben sind. Junges Grün am Straßenrand überwächst die Spuren, die Wagen und Menschen zurückgelassen haben auf ihrer Flucht. Im Graben, da, wo sie vor wenigen Monaten noch Schutz gesucht haben vor den Fliegern, antwortet eine Löwenzahnblüte der Sonne.
    Die scheint auch auf die bleichen Gefangenen. Aus dem Dunkel der Baracken sind sie ans Licht gekommen. Die Sonne scheint auf die Soldaten. Sie scheint gleichmäßig auf die Sieger und die Verlierer, auf das Land, auf seine Städte und Dörfer, auf die Trümmer und auf alles, was unversehrt blieb. Es ist ein Dienstag im Mai. Und der Mai tut, was nur der Mai kann. Er überblüht einfach alles. Alle Zerstörung, all das Leid, den Tod. Die Sonne scheint. Es ist still. Sie sagen, der Krieg ist zu Ende. Heute.
     
    Siebzig Jahre sind vergangen seit diesem Mai, als der Krieg zu Ende gewesen sein soll in unserem Land. Wir erinnern uns daran in diesen Tagen. Und wir wissen heute, wie schwer es ist, zu sagen, wann der Krieg wirklich zu Ende war. Als der Mann, der Vater heimkehrte aus der Gefangenschaft? Oder als der Brief mit der Nachricht kam, dass er nie mehr wiederkommen würde? War der Krieg zu Ende, als die Flüchtlinge aus den Baracken am Rande der Stadt in das neu gebaute Viertel einziehen konnten, in dem wenigstens die Namen der Straßen nach Heimat klangen? Oder war er erst zu Ende, als die Kasernen sich leerten und die Sieger sich zurückzogen aus dem Land, von dem der Krieg ausgegangen war? Als die große Wunde anfing zu heilen und das geteilte Land begann, wieder ein Land zu werden?
    Wann ist ein Krieg zu Ende? Wenn niemand mehr lebt, der dabei gewesen ist, weder die Täter noch die Opfer, wenn die Zeitzeugen gestorben sind? Auch das wissen wir heute: Der Krieg lebte weiter in ihnen, ein Leben lang. Die wenigsten haben es geschafft, davon zu erzählen. Und viele erleben im Alter, dass der Krieg zurück kommt. Oft dann, wenn der Verstand seine Kraft verloren hat, wenn nur noch Gefühle da sind. Dann kommen die Angst, der Schmerz und die Schuld.
    Und wir wissen noch mehr: Der Krieg lebt weiter auch noch in den Kindern und den Enkel, in den Generationen, die geboren wurden, als längst schon wieder Frieden herrschte. Auch wenn der Krieg für sie keine bewusste Erinnerung mehr ist, hat er doch seinen Platz in ihren Herzen und Seelen. Er bestimmt ihr Verhalten, ihren Umgang mit anderen Menschen und mit sich selbst. Schutt und Trümmer, noch siebzig Jahre danach, nie weggeräumt. Manchmal wie überwachsen, manchmal offen und sichtbar. Wann ist der Krieg zu Ende?
     
    Im ersten Jahr des Darius, des Sohnes des Ahasveros, aus dem Stamm der Meder, der über das Reich der Chaldäer König wurde, in diesem ersten Jahr seiner Herrschaft achtete ich, Daniel, in den Büchern auf die Zahl der Jahre, von denen der HERR geredet hatte zum Propheten Jeremia, dass nämlich Jerusalem siebzig Jahre wüst liegen sollte. Und ich kehrte mich zu Gott, dem Herrn, um zu beten und zu flehen unter Fasten und in Sack und Asche. (Dan 9, 1-3)
     
    Wann ist es zu Ende? Wann ist es vorbei? Diese Frage stellt sich auch Daniel. Er ist einer von denen, die durch Krieg und Gewaltherrschaft ihre Heimat verloren haben und jetzt in der Fremde leben müssen. Es geht ihm nicht schlecht dabei, denn er hat sich unter den fremden Herrschern eine gute Position verschaffen können. Aber wie alle anderen um ihn herum lebt er mit einer Frage im Herzen: Wann ist es zu Ende? Wann können wir wieder nach Hause?
    Siebzig Jahre sollte Jerusalem wüst liegen, ein Trümmerhaufen sein, aber dann wäre die Strafe vorbei. Dann wäre es zu Ende, dann könnten sie zurück. So steht es doch in den Schriften, bei Jeremia, dem Propheten. So hat es Gott doch versprochen.
     
    Im ersten Jahr des Königs Darius, des Sohnes Ahasveros, der über das Reich der Chaldäer Herrscher wurde, in diesem ersten Jahr seiner Herrschaft, war es. Da soll Daniel überlegt haben, ob es wohl schon soweit ist. Und viele haben das gelesen und angefangen zu rechnen, ob das wohl sein kann, ob das passt zum Jahr der Rückkehr des Volkes Israel aus der babylonischen Gefangenschaft. Ob Gott wirklich handelt in unserer Menschengeschichte?
    In diesem ersten Jahr, das hört sich so genau an. Aber heute wissen wir: Dieses Datum gibt es gar nicht, auch keinen König Darius aus dem Stamm der Meder, nichts davon. Es gibt den Zeitpunkt gar nicht, von dem aus man anfangen könnte zu rechnen. Die siebzig Jahre lassen sich in keinen Kalender eintragen. Und deswegen gibt auch kein Kalender eine Antwort auf die Frage, wann es vorbei ist. Damals nicht und heute nicht. Wir sehen nur: Es ist Zeit vergangen, nicht nur vierzig, sondern siebzig Jahre. Die Trümmer wurden weggeräumt, sie sind überbaut und überwachsen. Und sie sind doch nicht verschwunden, nicht aus dem Bild unserer Städte und nicht aus unseren Herzen und Seelen.
     
    In seiner berühmten Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985 hat sich Richard von Weizsäcker auch gefragt, wann der Krieg zu Ende ist, wie lange es dauert, bis man seine Vergangenheit ehrlich ansehen kann. Er erinnerte in seiner Rede an die biblische Bedeutung der vierzig Jahre. So lange, bis zu diesem 8. Mai 1985 habe es gedauert, bis dieser Tag von den meisten Deutschen als Tag der Befreiung gesehen werden konnte:
    „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. (…) Wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen.“
     
    II.
     
    Und ich kehrte mich zu Gott, dem Herrn, um zu beten und zu flehen unter Fasten und in Sack und Asche. Ich betete aber zu dem HERRN, meinem Gott, und bekannte und sprach: Ach, Herr, du großer und heiliger Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. (Dan 9, 3-5.)
     
    Daniel weiß nicht, wann es vorbei sein wird. Aber er glaubt, dass Gott der Gleiche bleibt über alle Zeiten. Zu ihm betet er und sein Gebet ist vor allem ein Eingeständnis eigener Verantwortung. Sonst sind am Leiden seines Volkes immer die anderen schuld gewesen, die Feinde, die fremden Herrscher.
    Aber jetzt hört Daniel auf damit, anderen die Schuld zu geben. Er sagt: Wir sind es, wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. Und jeder, der das liest, weiß sofort, was damit gemeint ist: Die zehn Gebote, das Gesetz der Freiheit, gegeben von Gott, einem eifernden Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die ihn hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die Gott lieben und seine Gebote halten. (Ex 20, 5f.)
     
    In seinem Gebet spricht Daniel Gott als den Barmherzigen an. Die Missetat der Väter bleibt darin noch unausgesprochen. Aber jeder weiß, dass es sie gibt, Daniel und sein Volk. Auch noch nach siebzig Jahren wissen das alle.
    Wir wissen nach unseren siebzig Jahren viel mehr über die Folgen, die der Krieg bei den Kriegskindern und Kriegsenkeln hinterlassen hat. Viele Menschen haben gelernt, darüber zu sprechen und ihre Gefühle zu zeigen. Sie verdrängen nichts mehr und sehen sich die Trümmer an, die der Krieg in ihrer Familiengeschichte hinterlassen hat. Sie stellen sich ihren Verletzungen, ihrer Angst und ihrem Schmerz.
    Aber niemand darf darüber vergessen, dass es neben der Angst und dem Schmerz auch unsere Schuld gibt. Der Krieg kam nicht von irgendwo her. Er kam aus unserem Land. Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. Und darum gibt es diese ganzen Trümmer in unserem Land, in unseren Herzen und Seelen. Bis heute, siebzig Jahre danach.
     
    Unsere Vorfahren haben uns eine schwere Erbschaft hinterlassen, sagt Richard von Weizsäcker. Ein Erbe, das wir annehmen müssen: „Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. Jüngere und Ältere müssen und können sich gegenseitig helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten. (…) Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“
     
    III.
     
    Ach Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her wohnen. Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Antlitz über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr! Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. (Dan 9, 16-18)
     
    Wann ist der Krieg zu Ende? Nach vierzig Jahren nicht, nach siebzig Jahren nicht. Auch nicht, wenn alle gestorben sind, die damals dabei waren. Der Krieg bleibt in uns. Wir tragen die Schmach auch heute noch, bei allen die um uns wohnen. Aber Gott wendet sich nicht ab von uns, trotz allem.
    Sieh an unsere Trümmer, Gott, bittet Daniel. Sieh an unsere Trümmer, Gott, bitte ich. Und hilf uns, dass wir sie selbst ansehen. Damit wir sehen, was gewesen ist vor siebzig Jahren, unsere Angst, unseren Schmerz und unsere Schuld. Dann geht der Krieg zu Ende in unseren Herzen und in unseren Seelen. Dann werden die Trümmer darin endlich überblüht, so wie vor siebzig Jahren im Mai.
     
    Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
     
    Amen.
     
    (Kathrin Oxen, Wittenberg)
     
     
     
     
     
     
    Hintergrundinformationen:
     
    Rede Richard von Weizsäckers zum 8. Mai (1985)
     
    http://webarchiv.bundestag.de/archive/
     
    zum 8 .Mai als Gedenktag:
     
    http://www.politische-bildung-brandenburg.de/lexikon/

    [1] Vgl. Markus Witte, Das Danielbuch, in: Jan Chr. Gertz (Hg.), Grundinformation Altes Testament, Göttingen 4. Auflage 2010, 495-514, 506.
     

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Predigtstudien

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Predigtstudien im Kreuz-Verlag
hg. von Wilhelm Gräb (Geschäftsführung), Johann Hinrich Claussen, Wilfried Engemann, Klaus Eulenberger, Doris Hiller, Kathrin Oxen, Christopher Spehr und Birgit Weyel

Website: www.kreuz-verlag.de

Die Predigt ist ein Kommunikationsgeschehen, eine „Rede mit dem Hörer über sein Leben“ (Ernst Lange), kein einseitiger Akt der „Verkündigung“. Die Predigtstudien folgen dieser Einsicht, indem sie zu einer Predigt verhelfen wollen, die auf die Lebenserfahrungen der Hörenden eingeht und zu einer sie religiös ansprechenden Auslegung des biblischen Textes führt. Die Predigtstudien lassen darum dem Verstehen des biblischen Textes das Verstehen der Hörenden mit gleichem Gewicht zur Seite treten. Die Hörenden sollen merken, dass sie als souveräne Subjekte ihrer religiösen Selbstdeutung angesprochen werden. Das könnte gelingen, wenn Predigende versuchen, sich an die Stelle der Hörenden zu versetzen und dabei gerade diejenigen im Blick haben, denen die Semantik kirchlicher Rede unverständlich geworden ist. Auch die Textauslegung dürfte so eine andere Ausrichtung gewinnen.

Das verlangt eine verstehende Vergegenwärtigung biblischer Texte (Schwerpunkt A) sowie eine „Klärung der homiletischen Situation“ (Ernst Lange) durch die Wahrnehmung heutiger Erfahrungen und Lebenssituationen in ihrer Offenheit für religiöse Deutung (Schwerpunkt B). Es ist herauszuarbeiten, welche heutigen Erfahrungen und Situationen mit dem biblischen Text in den Blick kommen. Ebenso ist zu fragen, zu welcher religiösen Deutung heutiger Erfahrungen und Situationen der biblische Text verhilft.  

A-Teil: Texthermeneutik
I Eröffnung
Was veranlasst zu einer Predigt mit diesem Text?
II Erschließung des Textes
Welche Überzeugung vertritt der Verfasser des Textes? Welche existenziellen Erfahrungen bringt er mit diesem Text zur Sprache? Wie verstehe ich heute den Text?
III Impulse
Was folgt aus meiner Textinter­pretation für das Thema und die Intention der Predigt? Vorschläge für Predigt und Gottesdienst!
Werkstück Gottesdienst

B-Teil: Situationshermeneutik
IV Entgegnung
Wo ich A nicht folgen kann! Was leuchtet mir ein? Was sehe ich kritisch?
V Erschließung der Hörersituation
Welche existenziellen Erfahrungen und exemplarischen Situationen habe ich bei meiner Predigt mit diesem Text im Blick? Mit welcher Sicht auf die Wirklichkeit trete ich mit den Hörern ins Gespräch?
VI Predigtschritte
Was folgt aus meiner Interpretation der Situation für das Thema und die Intention der Predigt? Vorschläge für Predigt und Gottesdienst!
Werkstück Gottesdienst
(Auszug aus dem Leitfaden zum homiletischen Verfahren der Predigtstudien in der aktualisierte Fassung vom 20.09.2014)

Bezug
Die Predigtstudien erscheinen zweimaljährlich im August und im Februar und kosten 25,- € pro Halbband. Für Fortsetzungsbezieher gilt ein vergünstigter Preis. Der Einstige in ein Abonnement ist jederzeit möglich. Auch als ebook erhältlich.

Redaktion