• 14.05.2015

    Himmelfahrt

    14.05.2015

    Dan 7,1-3(4-8)9-14(15-28)

    1 Im ersten Jahr Belsazars, des Königs von Babel, hatte Daniel einen Traum und Gesichte auf seinem Bett; und er schrieb den Traum auf und dies ist sein Inhalt:
    2 Ich, Daniel, sah ein Gesicht in der Nacht, und siehe, die vier Winde unter dem Himmel wühlten das große Meer auf.
    3 Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes anders als das andere.
    (4 Das erste war wie ein Löwe und hatte Flügel wie ein Adler. Ich sah, wie ihm die Flügel genommen wurden. Und es wurde von der Erde aufgehoben und auf zwei Füße gestellt wie ein Mensch, und es wurde ihm ein menschliches Herz gegeben.
    5 Und siehe, ein anderes Tier, das zweite, war gleich einem Bären und war auf der einen Seite aufgerichtet und hatte in seinem Maul zwischen seinen Zähnen drei Rippen. Und man sprach zu ihm: Steh auf und friss viel Fleisch!
    6 Danach sah ich, und siehe, ein anderes Tier, gleich einem Panther, das hatte vier Flügel wie ein Vogel auf seinem Rücken und das Tier hatte vier Köpfe, und ihm wurde große Macht gegeben.
    7 Danach sah ich in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, ein viertes Tier war furchtbar und schrecklich und sehr stark und hatte große eiserne Zähne, fraß um sich und zermalmte, und was übrig blieb, zertrat es mit seinen Füßen. Es war auch ganz anders als die vorigen Tiere und hatte zehn Hörner.
    8 Als ich aber auf die Hörner Acht gab, siehe, da brach ein anderes kleines Horn zwischen ihnen hervor, vor dem drei der vorigen Hörner ausgerissen wurden. Und siehe, das Horn hatte Augen wie Menschenaugen und ein Maul; das redete große Dinge.)
    9 Ich sah, wie Throne aufgestellt wurden, und einer, der uralt war, setzte sich. Sein Kleid war weiß wie Schnee und das Haar auf seinem Haupt rein wie Wolle; Feuerflammen waren sein Thron und dessen Räder loderndes Feuer.
    10 Und von ihm ging aus ein langer feuriger Strahl. Tausendmal Tausende dienten ihm, und zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht wurde gehalten und die Bücher wurden aufgetan.
    11 Ich merkte auf um der großen Reden willen, die das Horn redete, und ich sah, wie das Tier getötet wurde und sein Leib umkam und ins Feuer geworfen wurde.
    12 Und mit der Macht der andern Tiere war es auch aus; denn es war ihnen Zeit und Stunde bestimmt, wie lang ein jedes leben sollte.
    13 Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht.
    14 Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.
    (15 Ich, Daniel, war entsetzt, und dies Gesicht erschreckte mich.
    16 Und ich ging zu einem von denen, die dastanden, und bat ihn, dass er mir über das alles Genaueres berichtete. Und er redete mit mir und sagte mir, was es bedeutete.
    17 Diese vier großen Tiere sind vier Königreiche, die auf Erden kommen werden.
    18 Aber die Heiligen des Höchsten werden das Reich empfangen und werden`s immer und ewig besitzen.
    19 Danach hätte ich gerne Genaueres gewusst über das vierte Tier, das ganz anders war als alle andern, ganz furchtbar, mit eisernen Zähnen und ehernen Klauen, das um sich fraß und zermalmte und mit seinen Füßen zertrat, was übrig blieb;
    20 und über die zehn Hörner auf seinem Haupt und über das andere Horn, das hervorbrach, vor dem drei ausfielen; und es hatte Augen und ein Maul, das große Dinge redete, und war größer als die Hörner, die neben ihm waren.
    21 Und ich sah das Horn kämpfen gegen die Heiligen, und es behielt den Sieg über sie,
    22 bis der kam, der uralt war, und Recht schaffte den Heiligen des Höchsten und bis die Zeit kam, dass die Heiligen das Reich empfingen.
    23 Er sprach: Das vierte Tier wird das vierte Königreich auf Erden sein; das wird ganz anders sein als alle andern Königreiche; es wird alle Länder fressen, zertreten und zermalmen.
    24 Die zehn Hörner bedeuten zehn Könige, die aus diesem Königreich hervorgehen werden. Nach ihnen aber wird ein anderer aufkommen, der wird ganz anders sein als die vorigen und wird drei Könige stürzen.
    25 Er wird den Höchsten lästern und die Heiligen des Höchsten vernichten und wird sich unterstehen, Festzeiten und Gesetz zu ändern. Sie werden in seine Hand gegeben werden eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit.
    26 Danach wird das Gericht gehalten werden; dann wird ihm seine Macht genommen und ganz und gar vernichtet werden.
    27 Aber das Reich und die Macht und die Gewalt über die Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volk der Heiligen des Höchsten gegeben werden, dessen Reich ewig ist, und alle Mächte werden ihm dienen und gehorchen.
    28 Das war das Ende der Rede. Aber ich, Daniel, wurde sehr beunruhigt in meinen Gedanken und jede Farbe war aus meinem Antlitz gewichen; doch behielt ich die Rede in meinem Herzen.)

    Predigtstudie zu Christi Himmelfahrt: Machtfragen (Reihe VI)

    Predigtstudie zu Christi Himmelfahrt: Machtfragen (Reihe VI)

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    A Barbara Hanusa
    I Eröffnung: Wer hat die Macht?
    Grünkraft des Frühsommers im Wonnemonat Mai trifft auf machtvolle Herrschaft Gottes im Himmel und auf Erden: Der Himmelfahrtstag feiert die Installation Christi im Himmel, von wo aus er herrschen wird bis an der Welt Ende, das letzte Christusfest im Kirchenjahr. Die komprimierte Himmelfahrtstheologie findet sich in dem Lied „Gen Himmel aufgefahren ist“ von Bartolomäus Gesius. Die Vision des Danielbuchs, die für den heutigen Sonntag ausgesucht wurde, führt die Gottesdienstgemeinde an das Ende der Zeit, in der die Königsherrschaft Gottes sich endgültig gegen die tyrannischen politischen Reiche und ihre Herrscher durchsetzen wird. Die frühsommerlichen Gottesdienste, die die Draußensaison eröffnen und die mehr oder weniger „vatertagsgeprägten“ Ausflüge per Rad oder zu Fuß, führen die Menschen in die vor Kraft strotzende Natur ins Licht und stehen damit in ihrer Leichtigkeit und Fröhlichkeit im eklatanten Widerspruch zur Predigtherausforderung. Was wird zum Text und was zum Subtext in dieser kosmisch durchaus widersprüchlichen Ausgangssituation? Zu diesem Stück biblischer Überlieferung ist wohl auf einen dunklen, regenverhangenen Tag zu hoffen, auf dessen Hintergrund die Visionen des Daniels kraftvoll aufblitzen könnten. Im hellen Sonnenlicht verlieren sie an Wirkungskraft, so wie eine Verheißung einer sich durchsetzenden Gottesherrschaft in Zeiten des gottvergessenen Wohlstands im satten Europa ihre Kraft schon längstens verloren hat.
     
    Wer reißt die Macht an sich? In wessen Namen? Diese Frage lässt sich in den letzten Monaten laut und eindringlich stellen. Menschen müssen ihr Leben lassen, weil Karikaturen nicht als Meinungsäußerung verstanden und stehen gelassen werden können. Menschen jüdischen Glaubens, ihre Synagogen und Schulen werden in Europa bedroht, darum soll Israel sichere Heimat bieten. Menschen werden wegen ihrer Religion und Nationalität vertrieben, gefoltert und ermordet. Terrorismus erschüttert uns, er bedroht Religionen und Kultur. Wie dringend bräuchte es den weisen, weiß gekleideten, richtenden Uralten aus der Vision, der die Situation klärt, denn von räuberischen Bestien und gefährlichen Tieren sind wir umringt. Wie steht es mit der Macht unseres Gottes?
        
    II Erschließung des Textes: Gott richtet die Gebeugten auf
    Durch die Revision der gottesdienstlichen Lesungen und Predigttexte ist mit dem Bibeltext für Christi Himmelfahrt ein ganzes Kapitel aus dem Buch Daniel, - dessen „Herzstück“ (Porteous, 76) - aufgenommen worden, damit gibt die neue Perikopenordnung Anlass alttestamentliche Texte neu oder wieder zu entdecken. Beim Reinlesen in das Danielbuch fanden sich Überraschungen: Daniel war überzeugter Veganer (vgl. 1,8-16), er war ein Ausgewählter ohne Gebrechen - alles andere als inklusiv -, schön, weise, klug und verständig (1,4). Er war ein mutiger Traumdeuter am Königshof zu Babel (4,16), aufrecht (5,17), fromm (6,11) und unter dem mächtigen Schutz seines Gottes: Mein Gott hat seinen Engel gesandt, der den Löwen den Rachen zugehalten hat, so dass sie mir kein Leid antun konnten (6,23a). Daniel gehörte zu den wahrhaft Weisen (12,3.10) Seine Vision von den vier Tieren, dem Uralten und dem Menschensohn ist eine mit mächtiger Besetzung: Ein Löwe mit Adlerflügeln, ein Bär mit den Resten der Fleischmahlzeit im Maul, ein vierflügeliger und -köpfiger Panther und eine mächtige Bestie von „Zehnhorntier“ mit einem sprechenden und sehenden elften Horn, ein auf Feuerflammen thronender Uralter, das Kleid weiß wie Schnee und sein Haar rein wie Wolle, der richtet und ein Menschensohn, der mit den Wolken des Himmels kommt: barocker, märchenhafter geht es kaum. Die Dichte der Beschreibung überfordert schon Lesende, Hörende im Gottesdienst wohl umso mehr. Auch wenn darum - auf den ersten Blick - die Beschränkung auf die Verse 1-3 und 9-14 angezeigt scheint, würde man damit auseinander reißen, was kompositorisch zusammen gehört.
     
    „So schwerfällig manche der Übergänge im Kap. 7 auch sein mögen, so würde doch das ... Auseinanderreißen des Kapitels den sicherlich beabsichtigten Kontrast zwischen der Tiersymbolik und dem Symbol der menschenähnlichen Gestalt zerstören und schließlich die ‚Heiligen des Höchsten‘ der Deutung (V. 27) ohne entsprechendes Symbol in der Vision lassen. Man wird wohl am besten V. 21-22 als den mißratenen Versuch eines Interpolators ansehen, der Vision etwas hinzuzufügen, das der späteren Deutung entspricht“. (Porteous, 77) 
     
    Das Danielbuch verkörpert eine aus den leidvollen außen- und innenpolitischen Widersprüchen in der Situation des hellenistischen Israels entstandene neue apokalyptische Widerstandstheologie, die sich aus einer geschichtlichen Befreiungstheologie zu einer eschatologischen Erlösungsreligion entwickelt hat. Der Autor griff auf Danielerzählungen zurück, die er aus der alexandrinischen Diaspora kannte und knüpfte so an einen berühmten jüdischen Weisen und Traumdeuter an, der etlichen Weltherrschern die Stirn geboten hatte (vgl. Albertz, 634ff.). „Das Theologummenon von der Königsherrschaft Gottes lieferte somit dem Verfasser des aramäischen Danielbuches ein herrschaftskritisches Potential, von dem aus er angesichts deprimierender Erfahrungen mit den hellenistischen Reichen seiner Zeit die Legitimität und den Bestand der Weltmächte grundsätzlich in Frage stellen konnte.“ (Albertz, 661)
     
    Das zweite und siebte Kapitel bilden den Rahmen apokalyptischer Belehrung um die herrschaftskritisch umgearbeitete Danielerzählung herum. Die Königsherrschaft Gottes wird im Gegensatz zur bestialischen zerstörerischen Herrschaft der Weltreiche aufgebaut. Als Adressatenkreis macht Albertz die Unterschichtsgruppe aus; der hellenistische Teil der Oberschicht gehörte für den Autor nicht mehr zum Gottesvolk (vgl. Albertz, 659). Die Geschöpfe, die nacheinander aus dem großen Meer herauskommen, sollen die brutale Art der Weltreiche darstellen, mit denen es das jüdische Volk im Laufe der vergangenen Jahrhunderte zu tun hatte (vgl. Porteous, 80). Mit den Heiligen des Höchsten (Dan 7,18.22.27) sind keine Engel gemeint, sondern die Gemeinde der Frommen. Der Verfasser „erwartete offenbar, daß sie, aufgrund eigener langjähriger Ohnmachts- und Leidenserfahrungen gelernt hätten, die inhumane Selbstvergötzung politischer Macht durchschauen und ihrer Verführung zu widerstehen, in der Lage wären, Träger einer ganz neuen  Form politischer Herrschaft zu werden, die alle Gebeugten aufrichtet.“ (Albertz, 663)
     
    Der Menschensohntitel wurde erst später auf Jesus bezogen, er ist vom historischen Jesus selbst nicht verwendet worden. Die synoptische Überlieferung unterscheidet (in einem Jesus-Wort) zwischen Jesus und dem kommenden Menschensohn: „Wer mich bekennt vor den Menschen, den wird auch der Menschensohn bekennen vor den Engeln Gottes.“ (Lk 12,8). Gleichwohl bildet die Gestalt des Menschensohns die Schnittmenge zwischen dem Stück alttestamentlicher Tradition und dem Himmelfahrtstag.
     
    III Impulse: Mit der Macht der Anderen ist es aus
    Meine Predigt am Himmelfahrtstag hat das Thema Hoffnung. Am Ende siegt unser Gott und zähmt die Weltgesellschaft. Seine Gerechtigkeit siegt gegen alle inhumane Selbstvergötzung und wider alle Selbstermächtigung von Menschen über Menschen. Es wird die Zeit kommen, in der jeder Mensch das Recht hat, Rechte zu haben.
     
    Das Danielkapitel würde ich nacherzählen und die Bestien dabei modernisieren. Den Akzent würde ich am Ende meiner Erzählung auf das Gericht und den Menschensohn legen: Das grausamste Tier wird getötet und mit der Macht der anderen Tiere war es auch aus. Und des Menschen Sohn wird ewige Macht und ein endloses Reich gegeben. Dann folgte der Kasus des Himmelfahrtstages.
     
    Kunstgeschichtlich ist interessant, dass in vielen Himmelfahrtsdarstellungen die Jünger gen Himmel schauen und es die nackten Füße Jesu sind, die aus einer Wolke noch herausragen und die Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Menschen und Gott darstellen. Der Barfußmensch Jesus ist es, durch den wir die Macht unseres Gottes besser kennen gelernt haben. Sie hat viel mit der Zartheit, der Schönheit, dem Überraschenden und der Unaufhaltbarkeit der Grünkraft des Frühsommers zu tun. Und danach würde ich vom Wärmestrom der Hoffnung erzählen. In einem Artikel in Der Zeit steht über die Idee der Rettung bei Ernst Bloch: „Rettung hieß für Bloch: Der Philosoph ist wie ein Fischer am Ufer der Kulturgeschichte. Unermüdlich zieht er sein Netz durch den Strom der Überlieferung, und geduldig fängt er unerfüllte Hoffnungen ein, grundlose Sehnsüchte und freischwebende Träume. Dieser kulturelle Strom war für Bloch der Wärmestrom, und darin hoffte er, all das zu finden, was vom Kältestrom, von den Brutalitäten der Erdgeschichte fortgespült worden war.“ (Assheuer, 10)
     
    Jesus war ein Hoffnungsfischer, der mit unseren Sehnsüchten und Träumen, mit unseren Gebeten und unserem Flehen gen Himmel aufgestiegen ist. Sie sind nicht freischwebend, nicht grundlos und auch nicht heimatlos, unser Hoffen richtet sich auf den, der da kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten.     
     
    Werkstück Gottesdienst (Fürbittengebet)
    Gott, du Vater, Sohn und Heiliger Geist,
    deine Macht ist ewig und dein Reich grenzenlos,
    du bist stärker als alle Kräfte und Gewalten auf Erden,
    du bist unser Gott und alle unsere Hoffnungen und unser Vertrauen setzen wir auf dich.
     
    Vor dich legen wir unsere Welt und bitten dich,
    mach deine Verheißung wahr,
    dass du mit uns kämpfst gegen alle inhumane Selbstvergötzung und Selbstermächtigung,
    am Ende, ganz am Ende wird es gut ausgehen.
    Lass uns das nie vergessen.
     
    Vor dich legen wir unser Leben und bitten dich,
    schenke uns das, was wir zum Leben brauchen:
    Die Luft zum Atmen, das Wasser zum Trinken und das täglich Brot zum Essen.
    Wir bitten dich um Friedfertigkeit in unseren kleinen und großen Familiengefügen,
    um die Freundschaft unserer Freunde,
    um Wahrhaftigkeit in Beziehungen und Gesprächen,
    um sinnvolle Arbeit und sinnstiftende Tätigkeiten.
    Wir bitten dich um gute und lebensfördernde Schulen für unsere Kinder und Jugendlichen.
    Dass sie in ihrer Unterschiedlichkeit gesehen und gefördert werden,
    um das rechte Wort im richtigen Moment,
    um Perspektiven für Ausbildung und Beruf. 
     
    Wir bitten dich um Politiker, die halten und tun, was sie versprechen,
    und um Bürgerinnen und Bürger, die sich für die Gemeinschaft einsetzen.
    Wir bitten dich um Menschen, die mit unseren Alten leben,
    um Menschen, die sich gut um Kranke kümmern
    und darum, dass niemand alleine sterben muss.
     
    Vor dich legen wir unsere Kirche und bitten dich,
    mache sie zu einer lebendigen Kirche Jesu Christi,
    die niemals der Lebensphilosophie der Gleichgültigkeit das Wort redet
    und sich nicht mit den Mächtigen verbündet, sondern die gegen Ungerechtigkeit aufsteht
    und das Gebeugte aufrichtet.

    Schenke uns, Kirche zu sein in der Klarheit deiner Gerechtigkeit,
    in der Freiheit des Glaubens,
    in der Kraft der Hoffnung und in der Hinwendung zum Nächsten.
     
    Öffne unsere Herzen und Sinne für das, was Not tut.
    Mache uns dem ähnlich, den du in diese Welt gesandt hast,
    dass wir in seinem Geist leben,
    in allem, was uns begegnet.
    Amen.
     
    Lieder: EG 119 „Gen Himmel aufgefahren ist“; EG 123 „Jesus Christus herrscht als König“.
     
    Literatur:
    Rainer Albertz, Religionsgeschichte Israels in alttestamentlicher Zeit: Vom Exil bis zu den Makabäern, Göttingen 1997;
    Norman W. Porteus, Das Buch Daniel, ATD, Göttingen 1968;
    Thomas Assheuer, Ernst Bloch. Die Welt am Enterhaken, in: DIE ZEIT, 49/2009.
     
    Verfasserin:
    Dr. Barbara Hanusa
    Pädagogin und Theologin
    Schulstr. 6a
    21360 Vögelsen
    E-Mail:
     
     
    B Torsten-W. Wiegmann
    IV Entgegnung: Warten als Aufbegehren
    Anders als A hoffe ich nicht auf einen verregneten Himmelfahrtstag. Das hat ganz praktische Gründe, denn wir feiern tatsächlich draußen, unter freiem und hoffentlich freundlichem Himmel. Doch die Anfrage ist berechtigt: Kann ein apokalyptischer Traumbericht den Frühsommer 2015 erhellen? A stellt mit Dan 7 die Machtfrage und spürt historisch und theologisch die Herrschaftskritik der Vision auf. Dies will ich um zwei Aspekte und eine Randnotiz ergänzen.
     
    a) Die Frage, wie sich die Mächtigen der Welt und die Macht Gottes zueinander verhalten, ist sicher die inhaltliche Klammer und der „gemeinsame thematische Nenner“ des ganzen Danielbuches (Albani, 25). Daniels Traumgesicht in Kap. 7 stellt seine Zeit in einen apokalyptischen Rahmen mit prägenden Merkmalen (vgl. Albani, 26-39). Dazu gehört die Periodisierung (auch die Schreckensherrschaft ist nicht beliebig, sondern zeitlich begrenzt), der Geschichtspessimismus (es wird immer schlimmer) und ein deutlicher Dualismus (die Rettung kommt von oben mit den Wolken des Himmels). Das Warten auf diese Rettung ist allerdings kein passives, es geschieht im Beten und im Bewahren der Gebote des Gottes Israels; so wird das Warten selbst zum Akt der Herrschaftskritik und zum Zeichen der Hoffnung:
     
    „Having many fears and only limited knowledge, the ancient audience of the Hellenistic era is like Daniel, as they are encouraged to hope in God´s ultimate plan, to pray, and to wait while continuing to live lives of holiness. In times of persecution and community upheaval, these acts become heroic and perhaps subversive.” (Pace, 223)
     
    b) Der Uralte in der Vision (V. 9.13.22), das ist zweifellos Gott selbst; dies Bild prägt Kinderbilder und Kunstgeschichte bis heute (Bauer, 155). Der andere aber, der „mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn“ (V.13) daherkommt, bleibt rätselhaft. Die „vielfachen Leseweisen von Dan 7, 13“ (Ebach, 5) reichen vom gottgesandten Messias über den himmlischen Engelfürsten Michael bis zum irdischen Repräsentanten der „Heiligen des Höchsten“ (V. 27), die am Ende der Vision in der  Gottesherrschaft leben. Eindeutig ist die Bildsprache aber in dem entscheidenden Aspekt, dass eben nicht Menschen allein die Schreckensherrschaft der menschlichen Tyrannen ablösen: „God will bring about his victory through this mysterious agent“ (Pace, 246).
     
    c) Die Wolken des Himmels verknüpfen die Vision des Traumdeuters und Träumers Daniel mit der neutestamentlichen Botschaft der Himmelfahrt, allerdings in einer gegenläufigen Bewegung: In Dan 7 kommt der ersehnte Retter mit den Wolken, in Acta 1 geht er.
     
    V Erschließung der Hörersituation: Ohnmacht und Gottes Macht
    Die Welt ist aus den Fugen. Das ist beileibe keine neue Erkenntnis, aber sie rückt uns zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich nahe. Und in Deutschland in diesen Frühlingstagen 2015 vielleicht näher als sonst. Ich schreibe diese Zeilen unter dem Eindruck der schrecklichen Katastrophe in den französischen Alpen, wo der Kopilot eines Passagierflugzeugs sein Leben beendet und 149 Menschen mit in den Tod gerissen hat. Was tun Menschen einander an? Am Himmelfahrtstag wird es nicht mehr diese, aber eine andere Katastrophe sein, in deren Angesicht Menschen sich so fragen.
     
    Von den Gräueln unter dem Terror-Regime des selbst ernannten Islamischen Staates, von Folter, Hinrichtung und massenhafter Vertreibung haben mir Radio, Zeitung, TV und Internet einen Eindruck vermittelt, doch in diesen Wochen kommen Menschen aus Fleisch und Blut in unserem Landkreis an. Es sind Flüchtlinge aus Syrien und dem Nordirak, die dem fernen Leiden Namen und Gesichter geben.
     
    Und der Terror von Al Qaida und IS ist längst auch bei uns angekommen. A erinnert an den Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo, an den Überfall auf einen jüdischen Supermarkt. Kurz darauf gab es Razzien in Bremen, der Braunschweiger Karneval wurde abgesagt. Von einer „allgemeinen Bedrohungslage“ ist die Rede, Muslime fühlen sich unter Generalverdacht und Großveranstaltungen finden nur noch unter immensen Sicherheitsvorkehrungen statt.
     
    Selbstverständlich sind diese Ereignisse nicht über einen Kamm zu scheren, aber alle zusammen beeinflussen sie die Atmosphäre, in der wir leben. Anders als in den Visionen Daniels ist es keine Schreckensherrschaft, die uns unterdrückt, doch aus dem diffusen Empfinden von Ohnmacht und Ausgeliefert-Sein erwachsen dieselben Fragen: Wer oder was bestimmt uns? Wer hat die Macht? Und was können wir tun? Bierselige Bollerwagentruppen ertränken diese Fragen am Vatertag für den Moment, auch die Frühsommerfahrradtour der Familie ist nur Ablenkung auf Zeit.
     
    Der Träumer Daniel bringt Gott ins Spiel. Schrecken und Ohnmacht, sagt er, haben ihre Zeit, doch Frist und Grenze sind ihnen gesetzt. Gott überlässt seine Welt nicht sich selbst, er wird den senden, der dem Schrecken ein Ende macht, der die Menschen vom Missbrauch der Macht befreit. Und die, die auf ihn warten und seine Verheißung bewahren, zünden schon im Dunkel der Gegenwart unauslöschliche Lichter der Hoffnung an.
     
    VI Predigtschritte: Wo soll das nur alles enden?
    Werkstück Gottesdienst (Einleitung)
    „Frank feiert dieses Jahr mit uns den Himmelfahrtsgottesdienst. Das ist ungewöhnlich, weil er eigentlich jedes Jahr an diesen Tagen sein Rock-Konzert-Zelt-Wochenende feiert. Da war sein Vater schon mit ihm, jetzt wollte er eigentlich zum ersten Mal mit seiner Tochter fahren, und blieb dann doch zu Hause. Als ich ihn danach frage, winkt er ab: „Früher hat mir das nichts ausgemacht. Augen zu, Ohren zu, durch! Aber heute, heute sitze ich da und frage mich: Wo soll das nur alles enden?“ - „Wovon redest Du?“, will ich wissen. Frank redet sich in Rage: „Na, von allem. Erst war da Al Qaida. Weit weg. Dann 9/11. Anschläge in Madrid und London. Dann kam IS. Jetzt Paris. Außerdem ist Krieg in der Ukraine, auch wenn er nicht so heißt. Und dann fliegt noch einer in seinen eigenen Tod und nimmt 149 Unschuldige mit. Davon rede ich“ - „Aber Frank“, rufe ich, „ du schmeißt einfach alle schlechten Nachrichten der Welt auf einen Haufen. Das macht doch keinen Sinn.“ - „Doch“, sagt Frank düster, „wo mehr als hundert Leute zusammen sind, gehe ich jedenfalls nicht mehr hin. Und mit meiner Tochter schon gar nicht.“
     
    I. Wo soll das nur alles enden? Dass die Welt ein unsicherer Ort ist, dass auch in der gefestigten Demokratie eines Wohlstandslandes ein Empfinden von Bedrohung und Ohnmacht sich ausbreiten kann, ist die Erfahrung, die ich hier entfalten will.
     
    II. Wo soll das nur alles enden? Daniel, Traumdeuter und Träumer, nimmt eben diese Frage auf. Den Traum und seine Deutung aus Dan 7 will ich mit eigenen Worten nacherzählen, allerdings nicht „modernisieren“ (A). Daniels Leute träumen den Retter herbei. Und indem sie warten und die Gebote Gottes bewahren, setzen sie Zeichen gegen die Herrschaft der Unmenschlichkeit.
     
    III. Wo soll das nur alles enden? Wir hoffen auf den Retter, der den Augen entschwand (Acta 1, 9), der doch da ist in unseren Herzen, und der kommt mit den Wolken des Himmels, mit den Flügeln der Gerechtigkeit und des Friedens. Wir hoffen und wir setzen Zeichen der Hoffnung gegen die Zerstörung und für die Mitmenschlichkeit. Meine Zeichensetzer der Mitmenschlichkeit sind die Rettungskräfte, die in diesen Tagen und Wochen in den französischen Alpen arbeiten. Es sind die Muslime und Christen, die in vielen gemeinsamen Projekten beweisen, dass es nicht die Religion ist, die Menschen entzweit. Und es sind die freiwilligen Helfer, die den ankommenden Flüchtlingen offen und hilfsbereit begegnen, die sich einsetzen für eine echte Willkommenskultur.
     
    Schluss mit dem Blick auf Frank: Der hat – immerhin – nicht einfach zu Hause gesessen, sondern mit uns Gottesdienst gefeiert. Und auf diese Weise auch ein Zeichen gesetzt. Und nächstes Jahr wieder Rock-Konzert-Zelt-Wochenende? Mal sehen.
     
    Liedvorschläge: EG 445 „Gott des Himmels und der Erden“; EG Hannover/Bremen 612 „Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen“
     
    Literatur:  
    Matthias Albani, Daniel, Traumdeuter und Endzeitprophet (Biblische Gestalten 21), 2010;
    Dieter Bauer, Das Buch Daniel (Neuer Stuttgarter Kommentar, Altes Testament 22), Stuttgart 1996;
    Jürgen Ebach, Menschensohn: http://www.theomag.de/91/je1.htm;
    Sharon Pace, Daniel (Smyth & Helwys Bible Commentary Vol. 17), 2008.

    Verfasser:
    Torsten-W. Wiegmann
    Landpastor und Notfallseelsorger in Südniedersachsen
    Martinigasse 1, 37154 Northeim – Hohnstedt;
    E-Mail:
     
    redigiert von

  • 14.05.2015

    Himmelfahrt

    14.05.2015

    Dan 7,1-3(4-8)9-14(15-28)

    1 Im ersten Jahr Belsazars, des Königs von Babel, hatte Daniel einen Traum und Gesichte auf seinem Bett; und er schrieb den Traum auf und dies ist sein Inhalt:
    2 Ich, Daniel, sah ein Gesicht in der Nacht, und siehe, die vier Winde unter dem Himmel wühlten das große Meer auf.
    3 Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes anders als das andere.
    (4 Das erste war wie ein Löwe und hatte Flügel wie ein Adler. Ich sah, wie ihm die Flügel genommen wurden. Und es wurde von der Erde aufgehoben und auf zwei Füße gestellt wie ein Mensch, und es wurde ihm ein menschliches Herz gegeben.
    5 Und siehe, ein anderes Tier, das zweite, war gleich einem Bären und war auf der einen Seite aufgerichtet und hatte in seinem Maul zwischen seinen Zähnen drei Rippen. Und man sprach zu ihm: Steh auf und friss viel Fleisch!
    6 Danach sah ich, und siehe, ein anderes Tier, gleich einem Panther, das hatte vier Flügel wie ein Vogel auf seinem Rücken und das Tier hatte vier Köpfe, und ihm wurde große Macht gegeben.
    7 Danach sah ich in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, ein viertes Tier war furchtbar und schrecklich und sehr stark und hatte große eiserne Zähne, fraß um sich und zermalmte, und was übrig blieb, zertrat es mit seinen Füßen. Es war auch ganz anders als die vorigen Tiere und hatte zehn Hörner.
    8 Als ich aber auf die Hörner Acht gab, siehe, da brach ein anderes kleines Horn zwischen ihnen hervor, vor dem drei der vorigen Hörner ausgerissen wurden. Und siehe, das Horn hatte Augen wie Menschenaugen und ein Maul; das redete große Dinge.)
    9 Ich sah, wie Throne aufgestellt wurden, und einer, der uralt war, setzte sich. Sein Kleid war weiß wie Schnee und das Haar auf seinem Haupt rein wie Wolle; Feuerflammen waren sein Thron und dessen Räder loderndes Feuer.
    10 Und von ihm ging aus ein langer feuriger Strahl. Tausendmal Tausende dienten ihm, und zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht wurde gehalten und die Bücher wurden aufgetan.
    11 Ich merkte auf um der großen Reden willen, die das Horn redete, und ich sah, wie das Tier getötet wurde und sein Leib umkam und ins Feuer geworfen wurde.
    12 Und mit der Macht der andern Tiere war es auch aus; denn es war ihnen Zeit und Stunde bestimmt, wie lang ein jedes leben sollte.
    13 Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht.
    14 Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.
    (15 Ich, Daniel, war entsetzt, und dies Gesicht erschreckte mich.
    16 Und ich ging zu einem von denen, die dastanden, und bat ihn, dass er mir über das alles Genaueres berichtete. Und er redete mit mir und sagte mir, was es bedeutete.
    17 Diese vier großen Tiere sind vier Königreiche, die auf Erden kommen werden.
    18 Aber die Heiligen des Höchsten werden das Reich empfangen und werden`s immer und ewig besitzen.
    19 Danach hätte ich gerne Genaueres gewusst über das vierte Tier, das ganz anders war als alle andern, ganz furchtbar, mit eisernen Zähnen und ehernen Klauen, das um sich fraß und zermalmte und mit seinen Füßen zertrat, was übrig blieb;
    20 und über die zehn Hörner auf seinem Haupt und über das andere Horn, das hervorbrach, vor dem drei ausfielen; und es hatte Augen und ein Maul, das große Dinge redete, und war größer als die Hörner, die neben ihm waren.
    21 Und ich sah das Horn kämpfen gegen die Heiligen, und es behielt den Sieg über sie,
    22 bis der kam, der uralt war, und Recht schaffte den Heiligen des Höchsten und bis die Zeit kam, dass die Heiligen das Reich empfingen.
    23 Er sprach: Das vierte Tier wird das vierte Königreich auf Erden sein; das wird ganz anders sein als alle andern Königreiche; es wird alle Länder fressen, zertreten und zermalmen.
    24 Die zehn Hörner bedeuten zehn Könige, die aus diesem Königreich hervorgehen werden. Nach ihnen aber wird ein anderer aufkommen, der wird ganz anders sein als die vorigen und wird drei Könige stürzen.
    25 Er wird den Höchsten lästern und die Heiligen des Höchsten vernichten und wird sich unterstehen, Festzeiten und Gesetz zu ändern. Sie werden in seine Hand gegeben werden eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit.
    26 Danach wird das Gericht gehalten werden; dann wird ihm seine Macht genommen und ganz und gar vernichtet werden.
    27 Aber das Reich und die Macht und die Gewalt über die Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volk der Heiligen des Höchsten gegeben werden, dessen Reich ewig ist, und alle Mächte werden ihm dienen und gehorchen.
    28 Das war das Ende der Rede. Aber ich, Daniel, wurde sehr beunruhigt in meinen Gedanken und jede Farbe war aus meinem Antlitz gewichen; doch behielt ich die Rede in meinem Herzen.)

    Kontrastprogramm (Reihe VI)

    Kontrastprogramm (Reihe VI)

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    Albträume und Zufluchtsorte
    „Lass mich zu dir“, hört sie seine Stimme. Schweißnass steht er an ihrem Bett, wie eine nasse Fahne hängt der Schlafanzug an ihm herunter. Er schiebt sich unter ihre Decke. „Mama, da sind so schreckliche Tiere“, sagt er und schläft an ihrer Seite ein. Sie spürt, sein Herzschlag wird immer ruhiger. Am Frühstückstisch erzählt er von einem Traum, von wilden Tieren, Hörnern, weißen ge-
    fletschten Zähnen. Er sei gelaufen, aber er war nicht schnell genug ... Dann sei er zu ihr ins Bett gekrochen. „In deinem Bett sind keine solchen Tiere“, sagt er und sucht die Sachen für den Kindergarten zusammen. Sie sieht dem Kind hinterher, vollkommen aufgeräumt trollt er sich zur Kindergartentür. Wäre es doch so einfach, diese Träume, solche Angst so einfach loszuwerden, denkt sie.

    Das Gewicht, mit dem die Ängste sich über das Leben legen können, wird nicht leichter. Wie in einem Traum: Da treten Gesichter auf, da ist die unstillbare Sorge, vor dem, was nach einem greift, du willst schneller laufen als sie, du bist immer zu langsam, kommst immer zu spät, das, was du machst, reicht nicht aus. Die Beine sind schwer, der Atem kurz. Die ersten Albträume, noch als Kind geträumt, setzen Zeichen. Es braucht Zufluchtsorte, an denen sich die schweißgebadeten Albträumenden bergen können.

    „… er schrieb den Traum auf“
    Der Himmelfahrtstag bietet für einen Tag einen solchen, sichernden Ort an. Dieser Tag spricht mit seinen Lesungen und Liedern von einer Nähe zu Gott, die die begrenzte Zeit des eigenen Lebens in einen entgrenzten Horizont stellt. In den Bildern des Predigttextes gesagt: Der Himmelfahrtstag eröffnet eine Traumwelt, die zunächst einen Albtraum zeigt, dann aber tut sich ein neues Bild auf, in das sich die Albträumenden flüchten können und wo sie in Sicherheit sind.
    Zunächst ist alles extrem verwirrend: Tiere steigen aus dem tobenden Meer auf, Urgestalten, Panter mit Flügeln. Da ist die Rede von eisernen Zähnen, die zermalmen, was übrig ist, gezeigt werden auch: ein Horn – was für ein Tier – mit Menschenaugen und einem Maul, das Geschichten erzählt. Das, was Daniel hier träumt, baut genau die Kulisse auf, in der viele Albträume spielen und sich für immer fest eingenistet haben. Doch dann wechselt der Traum seine Bilder. Andere Kulissen werden hereingeschoben. Der Himmel öffnet sich, der Menschensohn kommt herab, die Kraft der Tiere vergeht, ein Thron wird neu besetzt. Die Bilder werden gewendet: Das Chaos ist beendet, der Menschensohn übernimmt.

    In dieser ganzen Szene wird die Himmelfahrt einmal auf den Kopf gestellt, dieser Himmel ist nicht oben, fern und erhaben über allem, wie ein blauer und eben tiefer Frühsommerhimmel, dieser Himmel öffnet sich und setzt dieser chaotischen Szene ein Ende. Schon Daniel versucht, während er ihn aufschreibt, seinen eigenen Traum zu deuten. Er sucht diese Tiere und das Erscheinen des Menschensohns zu erklären. Sieht die große Politik des Königs und wendet die Tagespolitik an, um seinen Traum zu verstehen. Jahre später erkannten die Evangelisten Jesus Christus in diesem Text wieder: Der Menschensohn ist, so sehen sie es, Jesus Christus. Es ist, wenn Daniels Traum am Himmelfahrtstag gelesen wird, wohl auch so gemeint: Mit der Himmelfahrt Jesu tritt der Anspruch Gottes, das Heil dieser Welt zu bewirken, in den Mittelpunkt des Interesses. Himmel meint also kein „oben“ und „unten“, sondern es öffnet den Bereich, in dem Gott wirkt. Die Bilder die am Himmelfahrtstag gezeigt werden, zeigen das Ende der Angst. Wer unter Albträumen leidet, kann sicher sein, hier enden diese vergeblichen Wettläufe. Die dunklen Fratzen, die ihre Zähne fletschen, verschwinden in dem Abgrund, aus dem sie aufgestiegen sind.

    Das ist der Kontrast, den Daniel mit seinem Traum zeichnet: Erst herrschen diese unwirklichen Tiere, dann tritt Gott an, öffnet den Himmel und wirkt genau in die entgegengesetzte Richtung: „Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.“
    „Balance of power“ hat ausgedient. Hier wird die Kraft der Bilder, die in den Albträumen als Kulisse dienen, geschwächt und die Kraft, die in eine andere Richtung wirkt, stark gemacht. Es ist ähnlich wie für das Kind, das seinem Albtraum entkommt und unter der schützenden Bettdecke der Mutter Ruhe findet. Der Menschensohn schützt die Welt vor den Kräften, die aus dem Chaos aufsteigen. Das Endgericht wird zum Heilsereignis. Die Zufluchtsstätte für Angstgeplagte wird in diesem letzten Eingreifen Gottes sichtbar. Wir sprechen vom Himmel.

    Viele Leserinnen und Leser neigen dazu, genau die Bilder aus diesem Text aufzugreifen, die ihnen Furcht einflößen. Es ist ja grundsätzlich einfacher, den Spuren der Angst zu folgen, als den Pfad der Hoffnung zu suchen. Es fällt leichter, seine Zweifel zu formulieren, als der Zuversicht Ausdruck zu verleihen. Doch: Die Weltzeit mit all ihren Lasten wird keineswegs in die Ewigkeit hinein verlängert. Es wird einen Bruch geben zwischen dieser Welt, in der die Albträume manchmal nicht enden wollen, und der Welt, die Gott uns bereitet. Es wäre verfehlt, das Gericht, von dem die Bibel spricht, überspringen zu wollen. Aber dieses Gericht räumt genau die Kulissen ab, in denen die Albträume zu Hause sind. Gott hilft denen auf die Beine, die von all den Ängsten, die ihnen nicht nur in ihren Albträumen drohen, niedergestreckt sind.
    Der Himmelfahrtstag verstärkt jeden Versuch, der anderen Richtung, die Daniel in seinem Traum sieht, zu folgen. Den Tieren, diesem Kreislauf, an dessen Ende immer wieder eiserne Zähne ihre kalte Pracht zeigen, entkommen – dafür sorgt der heutige Tag: Himmelfahrt ist der Festtag, an dem die Angstfreiheit gefeiert wird. Es war heute – in einem übertragenen Sinn – die letzte Nacht, in der schweißgebadete Menschen erwachen müssen. Die Zulassung ist dem Chaos entzogen, diese Tiere sind im Leben nicht mehr verkehrsfähig.

    „Der gab ihm Macht, Ehre und Reich“
    Wer heute eine Landkarte der Ängste zeichnet, die die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts in unserem Land durchziehen, stellt fest: Zuerst sind es nicht die großen, die bedeutenden politischen Fragen, die die Ängste schüren. Es ist die konkrete Furcht, die im nahen Bereich im Leben aufzieht. Jeder Mensch möchte irgendwo „vorkommen“, seinen eigenen Platz finden und ihn auch wahren. Die Angst um das Eigene, eine Position im Kreise der anderen Menschen, die angemessene Grundlage für das Leben, ein immer wieder gestärktes Selbstbewusstsein, die Sorge um den Verlust des eigenen Gesichtes treibt viele Menschen um. Solche Angst bildet eine handfeste Seelenwirklichkeit ab: Die Erkenntnis, wie zerbrechlich die eigene Biografie ist, verunsichert viele Menschen. Die Furcht, keinen verlässlichen Platz in der Gesellschaft zu finden, sondern unter der Erschöpfung der viele Zumutungen zu Boden gehen zu können, das lässt selbst die Hartgesottenen nicht kalt: Das „immer mehr“, „immer schneller“, „immer besser“, das sie zu spüren bekommen, erzeugt selbst bei denen, die solche Worte nicht hören, neuen Druck. Die Tiere, die Daniel sieht, sind nicht unsichtbar geworden, sie lassen sich aber kaum noch erkennen.

    Es bleibt etwas Unbestimmtes, das bedrohlich ist: die Suche nach einem Halt, nach etwas verlässlich Bleibendem, einer Heimat und einem Menschen, der Sicherheit verspricht. Ich kenne eine Altenpflegerin, die liebt ihren Beruf, fürchtet aber, dass sie die harte körperliche Arbeit schon bald nicht mehr leisten kann. In wenigen Jahren wird sie 60. Hoffentlich halten ihre Kräfte. Ich kenne einen Briefträger, früher konnte man mit ihm noch kurz plaudern, heute muss er immer schneller weiter. Es ist nicht schwer, sich auszumalen, welche Albträume viele Menschen erleiden. Sie laufen, rennen, schwitzen und schaffen immer mehr. Sie spüren zugleich die zurückliegenden Jahre der Arbeit und wissen, dass sie – statt es „etwas ruhiger angehen zu können“ – eher mehr leisten wollen.
    Die Bilder der Tiere, die aus dem Meer aufsteigen, zeigen große, gewaltige Gestalten. Heute reichen ganz alltägliche Momente, sie dienen als Kulisse für die Albträume. Der Meeresoberfläche, die auffallend ruhig bis zum Horizont reicht, entsteigen keine furchterregenden Großgestalten. Es ist kein Chaos, in dem die Albträume keimen. Die Drohkulisse ähnelt eher einem Tier, das dem Aquarium im Kleintierzoo entflohen ist, aber es hat scharfe Zähne. Die schweren Träume treten im Gewand des Alltäglichen auf, geben sich harmlos, sind vordergründig wohlmeinend. Die Woche vom Montag bis Freitag wird zur Kulissenwelt für die neuen Albträume.
    Der Himmel öffnet sich an anderer Stelle: Statt in einer großen im Chaos entfesselten kinoreifen Szenerie, spielt Himmelfahrt in der kleinen Welt des leicht zunehmenden Drucks, in der Alltäglichkeit, in der viele Menschen ins Schwitzen geraten.

    Vor 100 Jahren schrieb Jakob van Hoddis ein Gedicht vom Weltende:
    Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
    In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
    Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei,
    Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

    Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
    An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
    Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
    Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.
    http://gutenberg.spiegel.de/buch/jakob-van-hoddis-gedichte-6881/5 am 10.01.2015

    Es ist nahezu banal, was der Dichter zeigt: Hüte fliegen, Schnupfen plagt die Menschen. Doch das Banale wird unübersehbar von den alltäglich gewordenen Katastrophen überschattet. Er verbindet dieses ganz Banale eines Schnupfens so mit den großen Katastrophen, und doch wirkt alles unendlich harmlos. Zwischen dem Alltäglichen fallen selbst Zugunglücke und Sturmorkane kaum noch auf.
    Die Zeiten, in denen die Tiere aus den Meeren aufsteigen und so eine Kulisse für nächtliche Albträume aufrichteten, sind vergangen. Der Albdruck wohnt in den Kulissen des Tagtäglichen. Die Gefahren, die heute Angst verbreiten, verstecken sich zwischen den Zeilen. Ihre Kulisse ist der Alltag, irgendwo beim Pflegedienst im Heim, bei hoch motivierten Hilfen und der Erschöpfung, die sie spüren. Sie wird auf der täglichen Route des eilenden Postboten aufgebaut. Ins Schwitzen kommen die, die fürchten müssen, zu langsam zu werden. Albträume träumen die, die merken, dass ihr Alltag zerbricht und nur noch die eigenen Kinder etwas Sicherheit versprechen. Die Furcht vor einem ganz, ganz kleinen Fehler, der einem unterlaufen könnte, kann sich größer vor einem aufbauen als die Angst vor den eisernen Zähnen eines dieser Tiere.

    Der Menschensohn, den Daniel beschreibt, wird nicht arbeitslos. Selbst dann, wenn die Gefahren, statt aus dem aufgewühlten Meer, gut getarnt aus dem Tagtäglichen aufsteigen, haben sie ihr Drohpotenzial nicht eingebüßt. Vielleicht ist es sogar viel gefährlicher, wenn aus dem Einerlei, dem, was sich als Routine eingespielt hat, die Gefahren aufsteigen. Dann sind die Albtraumtiere viel schwerer zu erkennen als früher. Der kundige Facharbeiter, die hoch motivierte Pflegekraft, die junge Juristin im 2. Stock und der alt werdende Arzt an der Ecke spüren möglicherweise tatsächlich, dass sie bedroht sind. Die Kulisse, in denen die Angstträume aufleben, zeigt die Büros und Wohnungen, die Häuser und Fabriken, die von außen und innen vollkommen normal aussehen und doch Gefahrenorte sind.

    Darum ist heute Himmelfahrt: der Tag, an dem Endliches von Unendlichem erreicht wird. Der Tag, an dem die Frauen und Männer, die vielen Kinder genau das machen, was das traumgeplagte Kind in seiner Albtraumnacht getan hat: Zuflucht suchen.
    Die Kulisse, in der der Albtraum spielt, steht mitten im eigenen Leben, sie zeigt irgendetwas von Eisenbahnfahrt und Buchhaltung, von Autowerkstatt, Fairtrade-Kaufhaus und dem eigenen Arbeitsplatz. Himmelfahrt ist der Zufluchtsort: Alles, was endlich ist und von vielen Bedrohungen umzingelt und durchzogen wird, wird von Gott den Gefahren entzogen. Sie verlieren ihre lebensbedrohlichen Kräfte.
    Himmelfahrt nimmt den Kulissen, in denen sich die Schreckensszenen des Lebens abspielen, den großen Schrecken. Hier kommt etwas in den Blick, das von diesen düsteren Bilder befreit. Es ist so etwas wie eine schützende Bettdecke, unter die die Menschen fliehen müssen, auch dann, wenn sie schon lange erwachsen sind. Da beruhigt die Gewissheit, dass das Leben von einem unauslöschbaren Willen ergriffen ist, den es sich selber nicht schenken kann. Der will keine Angst erzeugen, auch keinen neuen Druck aufbauen, sondern Menschen ertüchtigen, die von Mut beseelt in ihrem Leben stehen. Solche Menschen zu sein, damit beginnen wir heute.


    Tagesgebet:
    Gott, du Schöpfer unsrer Welt, deine Schöpfung preist dich an diesem Morgen, lass uns einstimmen in diesen sommerlichen Jubel.
    Jesus Christus, du Erlöser unserer Seelen, ziehe ein in unser Leben, durchflute unsere Worte und Taten mit deinem Willen.
    Heiliger Geist, du Versöhner unserer Welt, mache uns getrost, so werden wir getröstet.

    Fürbittengebet:
    Wie oft schrecke ich hoch, erwache aus den schweren Träumen der Nacht. Du bist es, der mich bewahrt, du bist es, der mich rettet, du weitest den Blick, wenn es eng wird um meine Seele. Du schützt mich, wenn mein Herz von Angst ergriffen ist und wild schlägt. Du öffnest den Himmel nur für mich, gibst mir Zuflucht in deinem Wort. Ich danke dir, Gott.
    So schütze und tröste du nun auch unsere Welt: Den Menschen, denen es schwer wird um die Seele, sei nah. Denen, die Halt suchen und die sich nach sinnvollen Zeiten sehnen, schenke Orientierung. Uns alle befreie von der Enge, in die die Angst uns einschnürt, und zeige uns deinen Sohn Jesus Christus, den du erhöhst und als Ersten von uns aufnimmst in deine Macht und Herrlichkeit.

    Psalmvorschlag:    Psalm 148
    Evangelium:           Lukas 24,(44–49)50–53
    Epistel:                  Apostelgeschichte 1,3–4.(5–7).8–11
    Liedvorschläge:    
        123 (Jesus Christus herrscht als König)
        121 (Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du gen Himmel g’fahren bist)
        122 (Auf Christi Himmelfahrt allein)
        510 (Freuet euch der schönen Erde)
        408 (Meinem Gott gehört die Welt)

     

  • 17.05.2015

    Exaudi

    17.05.2015

    1Sam 3,1-10

    1 Und zu der Zeit, als der Knabe Samuel dem HERRN diente unter Eli, war des HERRN Wort selten, und es gab kaum noch Offenbarung.
    2 Und es begab sich zur selben Zeit, dass Eli lag an seinem Ort und seine Augen hatten angefangen, schwach zu werden, sodass er nicht mehr sehen konnte.
    3 Die Lampe Gottes war noch nicht verloschen. Und Samuel hatte sich gelegt im Heiligtum des HERRN, wo die Lade Gottes war.
    4 Und der HERR rief Samuel. Er aber antwortete: Siehe, hier bin ich!,
    5 und lief zu Eli und sprach: Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen. Er aber sprach: Ich habe nicht gerufen; geh wieder hin und lege dich schlafen. Und er ging hin und legte sich schlafen.
    6 Der HERR rief abermals: Samuel! Und Samuel stand auf und ging zu Eli und sprach: Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen. Er aber sprach: Ich habe nicht gerufen, mein Sohn; geh wieder hin und lege dich schlafen.
    7 Aber Samuel hatte den HERRN noch nicht erkannt, und des HERRN Wort war ihm noch nicht offenbart.
    8 Und der HERR rief Samuel wieder, zum dritten Mal. Und er stand auf und ging zu Eli und sprach: Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der HERR den Knaben rief,
    9 und sprach zu ihm: Geh wieder hin und lege dich schlafen; und wenn du gerufen wirst, so sprich: Rede, HERR, denn dein Knecht hört. Samuel ging hin und legte sich an seinen Ort.
    10 Da kam der HERR und trat herzu und rief wie vorher: Samuel, Samuel! Und Samuel sprach: Rede, denn dein Knecht hört.

    Predigtstudie zu Exaudi: „Die Lampe Gottes ist noch nicht erloschen“ (Reihe V)

    Predigtstudie zu Exaudi: „Die Lampe Gottes ist noch nicht erloschen“ (Reihe V)

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    A Erika Schweizer
    I Eröffnung

    „Und eine Frau, die einen Säugling an der Brust hielt, sagte: Sprich uns von den Kindern. Und er sagte: Eure Kinder sind nicht eure Kinder. (…) Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken. Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen, denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.“ (Khalil Gibran, Der Prophet).
     
    Diese Worte kommen mir in den Sinn, lese ich die bewegende Geschichte von Samuels
    Lebensbeginn. Samuel bedeutet: von Gott erbeten. Mit der Namensgebung bekundet seine Mutter Hanna ihre innerste Haltung: sie ersehnt das Kind und will es doch nicht für sich behalten. „Kinder sind eine Gabe Gottes, und Leibesfrucht ist ein Geschenk“ (Ps 127,3). Diese Einsicht hat Hanna so leidvoll wie auch freudeerfüllt erfahren.
     
    Die Erzählung vom Knaben Samuel stößt mich zu allererst auf die Frage, wie ein Kind seinen eigenen Weg, die eigene Berufung, finden kann, unverstellt von elterlichen Einflüssen, Wünschen, Ansprüchen. Dieser Spur möchte ich nachgehen, und der Erzählung aufmerksam folgen.
     
    II Erschließung des Textes
    1 Sam 3,1-10 handelt von Samuels Berufung. Die Perikope gehört in den Zusammenhang der Kapitel 1-3, ist aber in sich verständlich, ja ein erzählendes Meisterstück. Der Knabe Samuel wird bei dem Oberpriesters Eli in den Dienst am Tempel in Silo unterwiesen.
     
    Mit Blick auf die eingangs gelegte Spur wird die Frage virulent, ob Samuels Mutter recht daran getan hat, das gerade entwöhnte Kind nun einer anderen als ihrer elterlichen Autorität zu überlassen. Wird Samuel nicht eben dadurch ein Lebensweg vorgegeben, dem er sich einfügen muss? Es sieht ganz so aus. Die Feinheit der Erzählung lässt zugleich andere Nuancen entdecken. Samuel dient dem Herrn unter Eli. Der Knabe hat es also mit zwei zu unterscheidenden Autoritäten zu tun. Diese Bemerkung durchzieht in Variationen auch den Kontext (1 Sam 2,11; 2,18; 2,21; 3,19). Entscheidend dabei ist, dass Samuel, „im Dunstkreis kultischen Lebens“ (mit allen Korruptionen und Missbräuchen, die es dort auch gibt: siehe Elis Söhne; 1 Sam 2,12-17.22-25) aufwächst, damit zugleich „im Dunstkreis Gottes“. Welche Rolle kommt Eli dabei zu? Uns wird erzählt, dass Eli ein alter Mann ist („seine Augen hatten angefangen, schwach zu werden, sodass er nicht mehr sehen konnte“). Mit dieser Information korrespondiert eine ganz andere, nämlich, dass auch die Offenbarung Gottes nachgelassen hat. Und nun steht in diesen Zusammenhängen der Satz: „Die Lampe Gottes war noch nicht verloschen“ Gemeint ist das ewige Licht, welches vom Morgen bis zum Abend brennen soll (vgl. Ex 27,20f.). Es schwingt aber in diesem kleinen Satz mehr mit, ein Kontrast zu Elis Blindheit einerseits und der nachlassenden göttlichen Offenbarung andrerseits. „Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen.“ Im Schein der Lampe legt sich Samuel „im Heiligtum des Herrn, wo die Lade Gottes war“ schlafen. Samuel ist umgeben von Zeichen göttlich verborgener Anwesenheit, eingehüllt in seine Atmosphäre.
     
    Dieser Auftakt, den die ersten Verse der Perikope beschreiben, lässt aufhorchen, weil er eine geheimnisvolle Spannung aufbaut. Was folgt ist die Episode eines Missverstehens: Drei Mal hört Samuel im Schlaf oder schon im Einschlafen eine Stimme, die ihn bei seinem Namen ruft. Drei Mal steht er sofort auf und geht zu dem, der seine Autoritätsperson ist, zu Eli, um ihm zu Diensten zu sein. „Hier bin ich – Du hast mich gerufen.“ Drei Mal erwidert Eli, dass er Samuel nicht gerufen habe – „geh wieder hin und lege dich schlafen“. Die Episode hat eine wunderbare Ironie. Ironie des Missverstehens und der vergeblichen Wege, zur eigenen Berufung zu finden. Dazu braucht Samuel den Eli, der ihm schließlich den Weg frei macht, „ganz Ohr“ für Gottes Offenbarung zu sein.
     
    Mit diesem Ereignis endet die Perikope. Für Samuel beginnt damit eine Ablösung und eigenständige prophetische Verantwortlichkeit im Namen Gottes. Eli selbst fordert Samuel in diese Verantwortung, indem er ihn in einer letzten Begegnung (1 Sam 3,16-18) mit der Frage nach dem Inhalt der nächtlich gehörten Gottesoffenbarung konfrontiert. Samuel fasst sich ein Herz und berichtet Eli das Urteil Gottes, dem „Haus Eli“ ein Ende zu machen. Eli nimmt das Urteil an. Damit anerkennt er nicht allein Gottes, sondern auch Samuels Autorität.
    An Samuels Geschichte beeindruckt mich, wie eigenständige Berufung schicksalhaft ihren Weg bis ins Innerste dieses Menschen findet. Samuels Mutter und Eli werden zu Wegbereitern, indem sie als wesentliche Autoritäten da sind, den Knaben frei zu geben. So erwächst Samuel zu einem Hörenden – bereit und befähigt, wahrhaftige Urteilskraft zu empfangen und dafür ein zu stehen. Die Auseinandersetzung mit Autoritäten (kritische Haltung zum König Königtum in Israel, kritische Begleitung der von ihm eingesetzten ersten Könige Saul und David) prägt Samuels weiteren Lebensweg und bleibt sein Thema.
     
    III Impulse
    1 Sam 3,1-10 ist eine sehr schön gewebte Erzählung. Als solche hat sie Eingang in die neue Perikopenordnung gefunden. Zeit im Kirchenjahr ist der Sonntag Exaudi. Nach Himmelfahrt und vor Pfingsten steht dieser Sonntag im Zeichen des Abschieds und Verheißung des Heiligen Geistes. Davon spricht Jesus in Joh 16,5-15. Der (ebenfalls neu gewählte) Ausschnitt aus Jesu Rede thematisiert Verlust und Gewinn seines Abschieds: Jesus mutet Trauer zu und macht damit zugleich den Weg frei, die Seinen mündig und geistgeleitet in die Welt hinaus zu senden. Die Berufung, eigen- ständig im Auftrag Gottes zu wirken, verbindet beide Texte. Während im Evangelium Jesus eine Rede hält, erzählt die AT-Perikope anschaulich eine individuelle Berufungsgeschichte.
     
    Für die Predigt möchte ich die Erzählung von Samuels Berufung in den Mittelpunkt stellen, und dabei das grundsätzliche, je persönliche Thema Berufung mit in Blick haben. Beruf und Berufung gehören nach reformatorischem Verständnis zusammen. Wie findet ein Mensch zu seiner Berufung? Darauf gibt es so viele Antworten wie Berufungen – es lohnt aber, bei Samuel eine Spurensuche aufzunehmen. Sein Lebensbeginn mutet paradox an. Um einen Sohn zu gewinnen, gelobt seine Mutter, auf ihn zu verzichten. Ihre Liebe ist Opfer und Freigabe. Anrührend die Bemerkung, wie sie dennoch ihrem Sohn verbunden bleibt: Jahr um Jahr wenn sie zum Tempel geht, wo Samuel dient, bringt sie ihm ein selbst genähtes Oberkleid mit (1 Sam 2,19). Loslassen und begleiten gelten zugleich. Das wird Samuel spüren. Er empfindet aber vielleicht auch, was ein Vers des Wochenpsalms ausspricht: „Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf.“ (Ps 27,10)
     
    Als Tempeldiener untersteht Samuel festgelegten Pflichten. In diesem kultisch-religiösen Milieu nimmt er stillschweigend Erfahrungen auf, erlebt – so stelle ich mir vor – Begebenheiten, die ihn irritieren, die ihm verkehrt scheinen, ohne dass er es benennen könnte. Ebenso erlebt Samuel eine Atmosphäre die aus sich selbst leuchtet, eine verborgene Wirklichkeit göttlicher Nähe. In allem Erleben bleibt er angewiesen auf Eli. Der hat Samuel in seine Obhut genommen. Zu ahnen ist, dass Eli Zuneigung für den Jungen empfindet. So nennt er ihn einmal liebevoll „mein Sohn“ (1 Sam 3,6). Im entscheidenden Moment schickt Eli den „anvertrauten Sohn“ von sich fort. Samuel hört und gehört Gottes Auftrag. Samuel erwächst zu sich selbst in seine eigenste Berufung, und füllt sie leidenschaftlich aus in den Zerreißproben seiner Zeit.
     
    Werkstück Gottesdienst (Einstieg)
    „Liebe Gemeinde,
    ich beginne mit einer persönlichen Frage: Verstehen Sie das, was ihr Leben ausmacht als Berufung? Meistens bringen wir Berufung einseitig mit geistlichen Berufen in Verbindung, wohl weil wir dabei die stärkste Authentizität und Hingabe vermuten. Dass dem leider nicht immer so ist, wissen wir aber auch! Vielmehr ist es so, dass jeder weltliche Beruf, jede Aufgabe, der ich mich stelle, sei es in der Familie oder ehrenamtlich oder in noch anderen Bezügen – meine Berufung sein kann. Manchmal finde ich erst nach Irr- und Umwegen dahin. Es braucht Begegnungen, Anstöße, es braucht vor allem einen guten Kontakt zu mir selbst, die Bereitschaft, offen und hellhörig zu sein. Ich möchte einer Berufungsgeschichte nachgehen, die so einmalig ist wie jede Berufungsgeschichte.“ (folgt: Lesung 1 Sam 3,1-10)
     
    Erzählendes Nachgehen, dabei Anknüpfungspunkte für die Hörer anklingen lassen: Wodurch sind mir Wege zu meiner eigensten Berufung verstellt bzw. eröffnet worden?
    Berufung als Befähigung, an einer Aufgabe zu wachsen, sie auszufüllen.
    Berufung als Gottes Kindschaft, mündig und geistgeleitet in der Welt zu wirken. 
    Literatur:
    Shimon Bar-Efrat, Das erste Buch Samuel, Stuttgart 2007;
    Publik Forum Extra, Berufung – Den eigenen Weg gehen, Januar 2015.
       
    Verfasserin:
    Pfarrerin Dr. Erika Schweizer
    Am Kreuztor 3
    48147 Münster
    E-Mail:


    B Friedemann Magaard
    IV Entgegnung: Geistliche Bedürftigkeit
    „Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen“ (V. 3). A zeichnet sensibel die Szenerie der Berufungsgeschichte des Samuel nach. Im Dunstkreis zwischen Kultischem und Göttlichen entfaltet sich eine geheimnisvolle Spannung. Gegen A möchte ich den kritischen Akzent verstärken. Ausgangspunkt ist die Krise. Der Kultus - in der Person des Eli - ist schwach und fast blind. Das Gotteswort hat sich rar gemacht. Es herrscht eine tiefe geistliche Bedürftigkeit. „Noch nicht erloschen“ deutet an: viel fehlt nicht mehr, dann ist es aus. Und dann ist’s wirklich aus und vorbei. In eine „schlaffe und glaubensarme Zeit“ (EG 136,2) spricht das Wort Gottes, und das, wie A zu Recht benennt, auf irritierende Weise, in der „Ironie des Missverstehens und der vergeblichen Wege“.
     
    Die von A entwickelten Entwicklungsmotive zu Samuel lassen sich lohnend weiterdenken: Von Ablösung und Verantwortung einerseits und wie der Ruf in die Berufung führt und was das für die heutigen Hörer bedeuten kann andererseits. Doch nimmt A damit dem Text die Schärfe. Gottes Ruf an Samuel füllt eine Leere auf, die beklemmend ist. Es ist ein Anfang, eine zunächst verunsichernde Andeutung. Es könnte Orientierung geben in einer Situation der Rat-Losigkeit. Dann hätte das Warten ein Ende.
     
    V Erschließung der Hörersituation: Es wartet auf Gott
    In den Jahren zwischen 2000 und 2010 stieg die Verschreibung von Antidepressiva in Deutschland um 100%. Diese dramatische Entwicklung zeigt, dass Ruhe und innere Balance zunehmend auf chemischem Wege hergestellt werden muss. Zugleich schließen einige Betriebsräte Vereinbarungen mit Unternehmensvorständen, dass die firmeneigenen Emailserver nach 23 Uhr geschlossen werden. Damit soll der Druck auf Mitarbeitende genommen werden, Mailanfragen um Mitternacht beantworten zu müssen. Die Notwendigkeit der Dienstvereinbarungen (wie etwa bei VW) erklärt sich daraus, dass die Erwartung ständiger Verfügbarkeit zuvor bestand. Der Zusammenhang ist selbsterklärend.
     
    Die abendliche Stille der Predigterzählung ist faszinierend und irritierend zugleich. In Zeiten der allgemeinen Reizüberflutung und immensen Beanspruchung des modernen Menschen trifft die gedämpfte Abendstimmung auf eine Sehnsucht nach Ruhe. Druck sucht Entlastung. Das Bibelwort bewirkt sofort Entschleunigung. Leben könnte so einfach sein. Wobei: Stille ist eben auch nicht einfach angenehm. Mitunter wirkt Geräuschlosigkeit sogar bedrohlich. Radiomacher scheuen nichts so sehr wie eine Klangpause von fünf Sekunden. Hörern mag es ähnlich gehen. Ist Stille im Alltag ein Gewinn oder eine Störung? Beim Kochen läuft die Musik-CD, im Auto das Nachrichtenradio. Immer schallt etwas. Die Jüngeren erinnern nicht, dass das Fernsehen einmal einen Sendeschluss hatte: Herr Kuhlenkampff las ein Gedicht, ein Streichquartett intonierte das Lied der Deutschen, dann: Standbild. Die Älteren erinnern kaum noch eine Zeit ganz ohne Fernseher.
     
    Die Szene im Tempel erzählt mehr als nur ein Bild der Ruhe, das den modernen Menschen einlädt oder verstört. Gleichnishaft klingen Motive auf, bedrohlich: Leere. Einsamkeit. Eine beunruhigende Desorientierung. Kaum noch Gesichte. Seltene Gottesworte, die Klarheit bringen. Keiner weiß den Weg. Wie soll es weiter gehen?
     
    Nie waren mehr Informationen verfügbar als heute. Niemals waren Lösungsszenarien für die drängenden Herausforderungen entfernter. Multiple Krisen rufen nach Antworten. Der Sturm der Welt tobt. Auch die Klügsten sind ratlos, oder gerade sie.
     
    Und eben in diesen Krisenzeiten offenbart sich eine geistliche Krise. Eli, der Priester, ist alt, schwach, fast blind. Der Kultus kann nicht mehr. Kraftlos. Eli’s Haus hat keine Perspektive. Der alte Mann liegt zu Bett, seine Augen sind schwach geworden. Kein Gebet, kein Aufschrei, keine Predigt, kein Machtwort. Kein Aufbegehren.
     
    Es wartet auf Gott. Zeit des Wartens. Hunger nach Geist. Spirituelle Bedürftigkeit. Leere, die auf Gott wartet, ein Zeichen, ein Wort. Ein Gesicht, eine Utopie.
     
    Es wartet auf Gott. Doch, zu Elis Zeiten wie heute, finden die Religionen und religiösen Institutionen kein großes Zutrauen. Die Fundamentalisten - zu gewiss sind sie sich ihrer lauten Antworten - machen Angst, und die Nachdenklichen sind zu unbestimmt.
    Dabei steht die Welt vor einem Scheideweg. Große Zeiten, gewichtige Probleme: Stichwortartig seien der Klimawandel, die hemmungslose Gier des Kapitalismus, Flüchtlingsströme, Fundamentalismus, der religiöse allzumal, genannt. Wir warten auf Zeichen. Auf Entwürfe. Mit Pragmatismus ist den Krisen nicht beizukommen, vermeintliche Alternativlosigkeit ermüdet. Wir warten auf das Wort, das den Weg weist. Auf das Wort, das befreit. Auf den Ruf. Auf die Berufung. „Samuel!“
     
    Wir hören geistlicher Bedürftigkeit, in eigener geistlicher Bedürftigkeit. Wir hören von dem matten Licht im Tempel, in unseren Kirchen. An uns ist es nicht, das Wort zu sagen. Gott spricht. Unser Auftrag ist, die Zeiten der Stille zu tragen, auszuhalten, zu erwarten, dass Gott in sie hinein spricht. Die Leere auszuhalten kostet Kraft. Aber: Gott wird sprechen. Zu seiner Zeit.
     
    VI Predigtschritte: Stille und Lang-Mut
    Ich möchte über die Berufung des Samuel in vier Schritten predigen.
     
    1. Zunächst vom Hören. Weil das Wesentliche zumeist in der Stille geschieht. „In Wahrheit ist die Dramatik einer lebensbestimmenden Erfahrung oft von unglaublich leise Art“ („Nachtzug nach Lissabon“, S. 53, s.u. das Werkstück). Die Erzählung von Samuels Berufung beginnt in der Stille. Von der Stille als Kunst-Form erzählt die Episode „Quarrtsiluni“ von Hubertus Halbfas, die mit dem Gedanken schließt: „Unsere Vorväter hatten den Glauben, dass die Gesänge in der Stille geboren werden. Dann entstehen sie im Gemüt der Menschen und steigen herauf wie Blasen aus der Tiefe des Meeres, die Luft suchen, um aufzubrechen. So entstehen die heiligen Gesänge“ (Halbfas, 24).
     
    2. Dann vom Warten. Weil die Menschheit rat-los ist. Es gibt für die großen Welt-Themen kein Analyse-Defizit. Aber wer hat eine Strategie? Wer kennt den Weg? „Das Wort des Herrn war selten, ein Gesicht war nicht häufig“ V.1. Wir warten und hoffen auf Lösungen. Auch die Gemeinden brauchen Wegweisung. „Weck die tote Christenheit“ (EG 262,2). Der Lebens-Rat (vgl. Jes 9,5) will erwartet werden. „Herr, gibt Geduld, aber sofort!“ Geduld ist eine hochmoderne Tugend. Auch die Lösung meiner Lebensrätsel findet sich nicht im Hamsterrad. Ebenso muss die Gemeinschaft sich in Lang-Mut üben. Überhaupt: Das Wort „Langmut“ verdient besondere Aufmerksamkeit.
     
    3. Als drittes von der erfüllten Leere. Weil der Tempel des Eli ein Modell sein kann. Ein Raum, gefüllt von der frommen Erkenntnis, dass das befreiende Wort Gottes noch aussteht. Wie mag eine Kirche aussehen, die dieses heilige Warten in Gestalt bringt? Eine Kirche, die offen ist, die zuhört, die den Zweifeln, den Erwartungen und den Tastversuchen der Menschen Raum lässt, statt sie mit Antworten auf Fragen abzufüllen, die sie nie gestellt haben. Es lässt sich an Frère Roger erinnern, den Gründer und ersten Prior der Communität von Taizé, an dessen Geburtstag vor 100 Jahren (12.05.1915) dieser Tage gedacht wird. Er haderte jahrelang mit seinem Kirchen-Neubau, der großen, im Avantgarde-Stil der 60er Jahre erbauten Versöhnungskirche in Taizé. „Beton macht starr und ruft den Eindruck von Stärke hervor“, schreibt Frère Roger in sein Tagebuch, und sinniert: „angesichts der Beweglichkeit unserer Zeit drängt sich der Gedanke an eine Kirche auf, die gleichsam nur mit einem Zelt lebt“ (Roger, 123). Wie kann unsere Gemeinde eine Kirche im Zelt sein, die auf Zeichen der Macht verzichtet, um beweglich, transparent, nah bei den Menschen und ihren Fragen zu sein?
     
    4. Schließlich von dem Mut, die Stille auszuhalten. Weil das Wagnis, auf die Stille zu hören, Ermutigung braucht. Miteinander zu schweigen kann erfüllend, kann aber auch unendlich schwer sein. Eine Gemeinde, die sich im Schweigen übt, hält nicht nur Stille-Zeiten aus, sondern lässt auch Rat-Losigkeit zu, hält Antworten in der Schwebe, hält Ausschau nach dem befreienden Wort, er-wartet mit ganzem Herzen. Gemeinden, die auch miteinander Stille halten, ergeben sich nicht dem tatenlosen Quietismus. Sie können mutig handeln, während sie die Vorläufigkeit ihrer Erkenntnis anerkennen und ihrer Demut damit Raum geben. „Samuel!“ Gott ruft in die Stille. Er lockt uns heraus, damit wir ihm dienen: „Hier bin ich“. Er übt uns im Hören, damit wir wachsam bleiben und auf sein Wort achten. Wir finden es nirgendwo als in der Stille, die sein Geist erfüllt.
     
    „Schweige und höre. Neige deines Herzens Ohr. Suche den Frieden“ (Kanon von P. Michael Hermes, Melodie nach Terrye Coelho, EG Nordkirche 614).
     
    Werkstück Gottesdienst (ein Predigteinstieg)
    „In Wahrheit ist die Dramatik einer lebensbestimmenden Erfahrung oft von unglaublich leise Art.“ Ein Zitat aus dem Buch „Nachtzug nach Lissabon“. Ein stilles Buch. Ohne action. Die entscheidenden Momente ereignen sich im Stillen.
     
    Gregorius, von dem ich in dem Roman lese, entdeckt ein kleines Büchlein eines portugiesischen Autors, er liest darin und deutet sein eigenes Leben. Von unglaublich leiser Art sei die Dramatik lebensbestimmender und lebensverändernder Erfahrung. Er selbst hat sein Leben auf den Kopf gestellt. Warum? Weil er einer Frau begegnete, die sich scheinbar das Leben nehmen wollte. Weil er auf ein Buch stößt, dass seine Neugier weckt. Weil ihn eine Sehnsucht ergreift, dass das Leben ganz anders sein könnte. Seine Konsequenz: er kauft ein Bahnticket nach Lissabon.
     
    In meinem Leben ereignen sich laute und leise Dinge. Natürlich sind die lauten nicht immer die wichtigen. Ein Blick kann für’s Leben verzaubern. Eine Umarmung steht für eine ganze Ewigkeit. Ein Zuspruch, fast beiläufig, ermutigt zu großen Taten.
     
    In seinem Buch liest Gregorius weiter: „Wenn sie, solche lebensbestimmende Erfahrung, wenn sie ihre revolutionäre Wirkung entfaltet und dafür sorgt, dass ein Leben in ein ganz neues Licht getaucht wird und eine vollkommen neue Melodie bekommt, so tut sie das lautlos, und in dieser wundervollen Lautlosigkeit liegt ihr besonderer Adel.“ Gregorius lässt sich verlocken. Er folgt einer inneren Stimme, die ihn leise, aber unbeirrbar drängt. Das Leben könnte ganz anders sein. Wage es. Auf seinem Weg trifft er andere. Fragt, redet, trinkt Tee, spielt Schach. Ohne Lärm. Die Dramatik liegt unter der Oberfläche. Das Wichtigste ereignet sich im Herzen…
     
    Literatur:
    Frère Roger, Die Gewalt der Friedfertigen, Herder Verlag Freiburg im Breisgau 1973
    Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, Carl Hanser Verlag München Wien 2004
    Hubertus Halbfas, Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule, Patmos Verlag der Schwabenverlag Ostfildern 1981, 18. Auflage 2011
     
    Verfasser:
    Pastor Friedemann Magaard
    Theologischer Leiter des ökumenischen Bildungs- und Tagungszentrums Christian Jensen Kolleg in Breklum
    Kirchenstr. 4-13
    25821 Breklum
    E-Mail:
     
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Predigtstudien

Predigtstudien

Predigtstudien im Kreuz-Verlag
hg. von Wilhelm Gräb (Geschäftsführung), Johann Hinrich Claussen, Wilfried Engemann, Klaus Eulenberger, Doris Hiller, Kathrin Oxen, Christopher Spehr und Birgit Weyel

Website: www.kreuz-verlag.de

Die Predigt ist ein Kommunikationsgeschehen, eine „Rede mit dem Hörer über sein Leben“ (Ernst Lange), kein einseitiger Akt der „Verkündigung“. Die Predigtstudien folgen dieser Einsicht, indem sie zu einer Predigt verhelfen wollen, die auf die Lebenserfahrungen der Hörenden eingeht und zu einer sie religiös ansprechenden Auslegung des biblischen Textes führt. Die Predigtstudien lassen darum dem Verstehen des biblischen Textes das Verstehen der Hörenden mit gleichem Gewicht zur Seite treten. Die Hörenden sollen merken, dass sie als souveräne Subjekte ihrer religiösen Selbstdeutung angesprochen werden. Das könnte gelingen, wenn Predigende versuchen, sich an die Stelle der Hörenden zu versetzen und dabei gerade diejenigen im Blick haben, denen die Semantik kirchlicher Rede unverständlich geworden ist. Auch die Textauslegung dürfte so eine andere Ausrichtung gewinnen.

Das verlangt eine verstehende Vergegenwärtigung biblischer Texte (Schwerpunkt A) sowie eine „Klärung der homiletischen Situation“ (Ernst Lange) durch die Wahrnehmung heutiger Erfahrungen und Lebenssituationen in ihrer Offenheit für religiöse Deutung (Schwerpunkt B). Es ist herauszuarbeiten, welche heutigen Erfahrungen und Situationen mit dem biblischen Text in den Blick kommen. Ebenso ist zu fragen, zu welcher religiösen Deutung heutiger Erfahrungen und Situationen der biblische Text verhilft.  

A-Teil: Texthermeneutik
I Eröffnung
Was veranlasst zu einer Predigt mit diesem Text?
II Erschließung des Textes
Welche Überzeugung vertritt der Verfasser des Textes? Welche existenziellen Erfahrungen bringt er mit diesem Text zur Sprache? Wie verstehe ich heute den Text?
III Impulse
Was folgt aus meiner Textinter­pretation für das Thema und die Intention der Predigt? Vorschläge für Predigt und Gottesdienst!
Werkstück Gottesdienst

B-Teil: Situationshermeneutik
IV Entgegnung
Wo ich A nicht folgen kann! Was leuchtet mir ein? Was sehe ich kritisch?
V Erschließung der Hörersituation
Welche existenziellen Erfahrungen und exemplarischen Situationen habe ich bei meiner Predigt mit diesem Text im Blick? Mit welcher Sicht auf die Wirklichkeit trete ich mit den Hörern ins Gespräch?
VI Predigtschritte
Was folgt aus meiner Interpretation der Situation für das Thema und die Intention der Predigt? Vorschläge für Predigt und Gottesdienst!
Werkstück Gottesdienst
(Auszug aus dem Leitfaden zum homiletischen Verfahren der Predigtstudien in der aktualisierte Fassung vom 20.09.2014)

Bezug
Die Predigtstudien erscheinen zweimaljährlich im August und im Februar und kosten 25,- € pro Halbband. Für Fortsetzungsbezieher gilt ein vergünstigter Preis. Der Einstige in ein Abonnement ist jederzeit möglich. Auch als ebook erhältlich.

Redaktion