• 3.05.2015

    Kantate

    3.05.2015

    2Chr 5,2-5(6-9)10(11)12-14

    2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion.
    3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat gefeiert wird.
    4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf
    5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.
    (6 Aber der König Salomo und die ganze Gemeinde Israel, die bei ihm vor der Lade versammelt war, opferten Schafe und Rinder, so viel, dass es niemand zählen noch berechnen konnte.
    7 So brachten die Priester die Lade des Bundes des HERRN an ihre Stätte, in den Chorraum des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim,
    8 dass die Cherubim ihre Flügel ausbreiteten über die Stätte der Lade. Und die Cherubim bedeckten die Lade und ihre Stangen von oben her.
    9 Die Stangen aber waren so lang, dass man ihre Enden vor dem Chorraum in der Tempelhalle sah, aber von außen sah man sie nicht. Und sie war dort bis auf diesen Tag.)
    10 Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen.
    (11 Und die Priester gingen heraus aus dem Heiligtum - denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, ohne dass sie sich an die Ordnungen hielten -,)
    12 und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertundzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.
    13 Und es war, als wäre es "einer," der trompetete und sänge, als hörte man "eine" Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke,
    14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.
     

    Predigtstudie zum Sonntag Kantate: Gottesdienst zwischen Winkelmesse und Staatsakt (Reihe IV)

    Predigtstudie zum Sonntag Kantate: Gottesdienst zwischen Winkelmesse und Staatsakt (Reihe IV)

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    A Dieter Beese
    I Eröffnung: Ganz große Oper zu Kantate
    1. „Singet dem Herrn ein neues Lied; denn er tut Wunder.“ (Psalm 98,1) Dieser Psalmvers, zugleich Wochenspruch für den Sonntag Kantate, könnte eine Überschrift für den Predigttext (2 Chr 5,1-14) sein. Tatsächlich singt die Jerusalemer Festgemeinde: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich“ (Ps 106,1). Die vorgeschlagene Perikope bietet der Vokal- und Instrumentalmusik eine ganz große Bühne. In Anwesenheit des Königs Salomo haben „alle Leviten, die Sänger waren“ (V. 12), gemeinsam mit 120 Priestern die Möglichkeit, ihr Können zu zeigen und den musikalischen Rahmen des Festgottesdienstes zu gestalten. Östlich vom Altar stehen sie, die Leviten mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und die Priester mit ihren Trompeten. Und als das musikalische Gotteslob erklingt, ist es, „als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn“ (V. 13).
     
    2. „Singen im Gottesdienst ist die festliche Seite der Alltagsreligion der Leute. Mit den Parametern Stimme, Stimmung, Atmosphäre lässt das Singen einen laientheologischen Zugang anklingen zu dem zentralen Ereignis, das im Gottesdienst zur Sprache kommt und Gestalt gewinnt: Gott unterhält die Welt.“ (Schroeter-Wittke, 45) Ein Gottesdienst, bei dem alle mitmachen, ist unterhaltsam. Gott unterhält und gewährt Unterhalt. Jede öffentliche Liturgie inszeniert ein Bild von der Art und Weise, wie sich Gott als Schöpfer und Erhalter der Welt verstehen lässt. Selbstbild und Weltbild werden singend und feiernd gefestigt, vertieft und verstärkt.
     
    3. Tempel – König – Priester – Volk: Das Bild von 2 Chr 5,1-14 gibt zu vielen Fragen Anlass. Was ist da zu sehen, wenn das Staatsoberhaupt des Vatikans, Papst der römisch-katholischen Kirche und Bischof von Rom in Manila eine Messe mit 6 Millionen Philippinos feiert? Was wären Kirchentagsgottesdienste ohne große Besucherzahlen, ohne Bundespräsident und ohne Musik? (http://www.ndr.de/fernsehen/kirchentag413.html, abgerufen am 20.3.15) Warum soll die Potsdamer Garnisonkirche wieder aufgebaut werden, die mit dem „Tag von Potsdam“ der Inszenierung einer Versöhnung von Preußentum und Nationalsozialismus die Bühne geboten hat? (http://www.garnisonkirche-potsdam.de, abgerufen am 20.3.15) Warum spricht ein Bundesverteidigungsminister im Rahmen eines Trauergottesdienstes für einen gefallenen Bundeswehrsoldaten? (siehe spiegel-online, abgerufen am 20.3.15) Was bedeutet der Choral „Ich bete an die Macht der Liebe“ im Kontext des Großen Zapfenstreichs? (siehe welt.de, abgerufen am 20.3.15) Wie weit soll die Nähe von Gottesdienst, Bürgerfest, Staatsakt und kirchlicher Selbstinszenierung gehen, wenn die Gemeinde der Öffentlichkeit ihr Zeugnis nicht verweigern, sich aber auch nicht in einen Winkel verkriechen und ihre Talente vergraben will?
     
    II Erschließung des Textes: Die Chronik – ein seltener Gast unter den Predigttexten
    1. Die Überführung der Lade durch David und seine Einweihung durch Salomo bilden den Höhepunkt des chronistischen Geschichtswerkes. Die umfassende Texteinheit ist wie folgt gegliedert: „5,2-6,2 Die Überführung der Lade in den Tempel, 6,3-11 Salomos Rede im Anschluss daran, 6,12-42 Salomos Gebet, 7,1-11 Abschluß der Festakte und Feiern, 7, 12-22 Gottes Erscheinung vor Salomo“. (Japhet, 68) Die genaue Beschreibung der Musik dürfte den tatsächlichen Verhältnissen der Kultmusik zur Zeit des Autors entsprechen.
     
    2. Das chronistische Geschichtswerk ist ein seltener, aber sehr profilierter Gast unter den Predigttexten: „Der Chronist zeichnet von der Schöpfung bis zum Untergang Judas den Geschehensablauf nach. […] Es geht ihm mehr um systematische Geschichtstheologie als um Darstellung des Geschichtsverlaufs.“ (Ohler, 129) In nachexilischer Zeit stellt der Autor den Tempelbau als Wende des Heils in das Zentrum der Welt- und Menschheitsgeschichte: David, die Zentralfigur (mit der die Tempelmusik beginnt!), zeigt, dass Juden auch ohne eigenes Staatswesen existieren und dennoch ihren Platz in der Weltgeschichte einnehmen können: „Nach Darstellung des Chronisten brauchten die frommen Könige des untergegangenen Staates ihre Heere nur aufzustellen, dann habe Gott die Feinde verwirrt und den Sieg geschenkt. Für den Autor gibt es nur eine militär. Tugend: standhalten, bis Gott hilft.“ (Ohler, 129) Gott, nicht König und Militärs sichern die weltliche Existenz und lässt den Perserkönig Kyros als prophetische Figur erscheinen, die mit dem Dekret zum Tempelbau indirekt zugleich zur Wallfahrt nach Jerusalem aufruft.
     
    3. Die Gegenwart Gottes „hindert“ die Priester an ihrem Dienst (V. 14) und erfüllt das Haus. So sehr die Lade mit den beiden Tafeln, die Stiftshütte und das heilige Gerät, die Leviten und die Priester und das ganze Volk mit Gesang und Musik im Gotteslob eins sind: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“ (Ps 106,1), so sehr ist doch Gott selbst dem Zugriff entzogen. Dieser musikalische Festgottesdienst erweckt den Anschein eine staatsreligiösen Verklärungsfeier, zugleich bleibt aber doch der Vorbehalt Gottes gegenüber kultischem und politischem Handeln markiert: Allein Gott selbst vergegenwärtigt sich im Gottesdienst, und allein Gott selbst weist seinem Volk seinen Platz im Miteinander der Völker zu. Mit einem solchen Gott ist nur bedingt Staat zu machen.
     
    III Impulse: Gottesdienstgestaltung, eine Qualitätsfrage
    1. Gott ist und bleibt frei. Auch der aufwändigste Gottesdienst am heiligsten Ort des Weltgeschehens wird ihn nicht binden. Gott braucht den Gottesdienst nicht, aber die Menschen brauchen ihn. Sie brauchen einen Ort der Versammlung, sie brauchen die Anbetung und die Orientierung, die sie vereint. Sie sind mit ihrem Glauben darauf angewiesen, dass Gott sich nicht entzieht, sondern seine Herrlichkeit unter ihnen wohnen lässt. Ein misslungener Gottesdienst wird Gott nicht hindern, mein Herz zu berühren, und eine überwältigende Inszenierung kann mich kalt und frustriert zurücklassen. Die Gemeinde aber ist nicht aus der Verantwortung entlassen, ihren Gottesdienst mit Liebe und Sorgfalt zu gestalten.
     
    2. Gott braucht keinen Staat und keine Politik, aber Menschen brauchen sie, und sie sind darauf angewiesen, dass der Schöpfer und Erhalter der Menschen und der Welt ihnen gegen alle ihre eigene Unvernunft das Leben bewahrt. Im Gottesdienst kommen Glauben und Leben zusammen. Kein Gottesdienst ist politisch unschuldig: Nicht zuletzt mit seinen Liedern und Gesängen ist er immer auch Teil des öffentlichen Lebens und seiner Verhältnisse, bildet sie ab, stellt sie dar und stellt sie in Frage. Der Gottesdienst am heiligen Ort ist verbunden mit dem Gottesdienst im Alltag der Welt (vgl. Röm 12,1-2, Röm 13,1.7.8.10); denn es sind dieselben Menschen, die hier das Gotteslob singen und dort ihr Leben in Gottes Gegenwart führen.
     
    3. Gottesdienstgestaltung ist eine menschliche, gemeindliche Aufgabe und damit auch eine Frage der Qualität. Das schränkt Gottes Freiheit und Gegenwart nicht ein, sondern entspricht ihr. Es ist eine Freude und erschließt ermutigende Erfahrungen, wenn eine Gemeinde sich auf den Weg macht zu einer bewussten, mit Gottes freiem Erscheinen rechnenden Gottesdienstgestaltung. Wie wäre es, wenn die gemeindliche AG Gottesdienstqualität einmal von ihrer Arbeit erzählen könnte?
     
    Werkstück Gottesdienst – Auch der Besuch ist Gestaltung (ein Stück Predigt)
    Eine Szene aus dem Konfirmandenunterricht: Die Pfarrerin hat Gottesdienstbesucherinnen und ‑besucher eingeladen, sich zu den Konfirmanden in den Kreis zu setzen. „Würden Sie uns wohl erzählen, warum Sie regelmäßig unseren Gottesdienst besuchen?“ fragt Sie einen älteren Herrn. Dieser antwortet: „Ich möchte gern, dass die jungen Menschen nicht in eine leere Kirche kommen, wenn sie den Gottesdienst besuchen. Mir ist wichtig, dass sie an anderen Menschen sehen können, dass ihnen der Gottesdienst etwas bedeutet für ihr Leben. Eine große Gemeinde, die kräftig mitsingt, macht doch einen ganz anderen Eindruck auf die Jugendlichen als ein mickriges, verzagtes Häuflein. Wenn ich will, dass junge Menschen kommen, dann darf ich doch als älterer nicht wegbleiben!“
     
     
    Literatur:
    Sara Japhet, 2. Chronik (Herders Theologischer Kommentar zum AT, hg. von Erich Zenger), Freiburg im Breisgau 2003, 67-74
    Annemarie Ohler, dtv-Atlas Bibel, München 5. korr. Aufl. 2011, 128-129
    Harald Schroeter-Wittke, Singen im Gottesdienst II. Kommentar aus theologischer Sicht, in: Liturgie und Kultur. Zeitschrift der Liturgischen Konferenz für Gottesdienst, Musik und Kunst 1 (2014), 42-45
     
    Verfasser:
    Landeskirchenrat Prof. Dr. Dieter Beese
    Evangelische Kirche von Westfalen
    Landeskirchenamt
    Altstädter Kirchplatz 5
    33602 Bielefeld
    Dieter.Beese@lka.ekvw.de

     
     
    B Martin Kumlehn
    IV Entgegnung: „Schön ist es, auf der Welt zu sein, sprach der Igel zu dem Stachelschwein“
     „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“ – so singen die Leviten wie mit einer Stimme das Lied der Freude über Gott. Am Sonntag Kantate wird so recht deutlich und – hoffentlich durch die kirchenmusikalische Inszenierung – auch leibhaft erfahrbar, dass die österliche Freude über Gott der Grundton menschlicher Existenz ist, dasjenige, was jedem Tag, jeder Stunde, jeder Minute gelebten Lebens zugrunde liegt, auch wenn es sonst zumeist unbewusst bleibt: Die tief im Herzen eines jeden Menschen verankerte Einstimmung in das Lob des Schöpfers: „Gütig ist er und ohne Ende seine Barmherzigkeit.“
     
    Solche gesungene Ein- und Zustimmung zur basalen Lebenskraft unterläuft freilich die von A gestellte theologische Frage nach der Legitimität des Gotteslobs im öffentlichen Raum. Seine Bedenken sind gewiss von weitreichender Bedeutung, wenn es darum geht, ob politisch oder ethisch fragwürdige Prozesse gegenwärtigen Erlebens durch das Lied der Freude über Gott bloß affirmiert statt – wie unter Umständen höchst notwendig – kritisiert werden. Die Dynamik, die Macht des Singens, die Kraft der Musik – und das ist das Thema am Sonntag Kantate (!) – sprengt jedoch diese theologischen Einhegungsversuche, die sich übrigens auch schon im Predigttext identifizieren lassen: Mehrfach stehen sich in ihm der Wunsch, Ordnung zu schaffen einerseits (V. 9: die herausragenden Stangen; V. 11: ohne Ordnung sich heiligende Priester) und die – beinahe staunende – Beobachtung, dass die eigens dafür bestallten Religionsexperten „nicht zum Dienst hinzutreten“ (V. 14) können, weil mit dem Gesang und der Musik nicht bloß die Tafeln des Bundes (mithin Ethik und Politik, V. 10), sondern Gottes Kabod Einzug in den Tempel (d.h. in die Herzen der Menschen) hält, andererseits gegenüber.
     
    V Erschließung der Hörersituation: Drei-Minuten-Transzendenz
    Das aus der Grunderfahrung der Dankbarkeit angesichts der Fülle und Güte des Lebens hervorbrechende und in der chorischen Ein-Stimmigkeit sich gewaltig verstärkende Lied der Freude erweist sich als mächtiger und stärker als die priesterlichen, theologischen oder kirchlichen Domestizierungsversuche. Und eben darin besteht in meinen Augen der Sinn der theologischen Rede von „Gottes“ Freiheit: Die Ein-stimmung in den Grund des Daseins ist Sache des Menschen, seiner Existenz, seines den Sinn unwillkürlich symbolisierenden Vermögens. Er – der Mensch –, jeder und jede einzelne ist frei, d.h. von seiner/ihrer Lebenserfahrung, von seinem/ihrem Gefühl her fähig, in das Lied der Daseinsgewissheit einzustimmen … oder eben nicht.
     
    Solche Einstimmung geschieht allerdings nicht nur im gottesdienstlichen Singen. Die Erfahrung, dass „Gott die Welt unterhält“ (Schroeter-Wittke) wird schon seit geraumer Zeit auf zumeist weitaus unterhaltsamere Weise in der Volksmusik und im Popsong gesanglich artikuliert. Mal „atemlos“ (Helene Fischer), mal „rebellisch“ (Frida Gold), „An Tagen wie diesen“ (Die Toten Hosen) oder „wenn ich mich nachts im Dunklen quäle“ (Ich + Ich), manchmal sogar „Unheilig“, stets aber so, dass auch musikalische Laien, ja selbst Zeitgenossen, die nach (nicht nur) eigenem Empfinden gar nicht singen können, lauthals einstimmen, mitgrölen und auf diese Weise Zugang finden zu den emotiven Grundkräfte des Lebens: Liebe und Glück, Schmerz und Freude, Dankbarkeit und Klage.
     
    „Da gibt es keinen Subtext, da gibt es keine Verdichtung. Der Schmerz ist hier Schmerz, die Liebe nichts als Liebe; beides ist unendlich“, wie der Züricher Psychoanalytiker und Schriftsteller Jürg Acklin in einem Zeitungsartikel über das Phänomen Eurovision Song Contest formulierte. Es gehört womöglich zu den von vielen Predigerinnen und Predigern geteilte Erfahrung, dass sich im gegenwärtigen Popsong bzw. Schlager auf eigentümliche Weise zu wiederholen scheint, was eine/r in der Jugendzeit bereits mit dem Kasettenrecorder aufgenommen und dann wieder und wieder abgenudelt hat. „Die Zeiten ändern sich und mit ihnen das Outfit, aber der Schlager bleibt gleich, auf ewig eben. Meine Mutter“, erinnert sich Acklin, „hat sie mitgesungen in der Küche, all die Highlights der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Sie gehören damit bis heute zu meinem musikalischen Repertoire. ‚Stell dieses seichten Quatsch ab‘, rief jeweils der Vater, ‚ich kann diesen Kitsch nicht mehr ertragen.‘ – ‚Ach, du hattest doch noch nie Gefühle‘, schleuderte ihm die Mutter entgegen und drehte den Apparat noch etwas lauter auf.“ (Acklin 2)
     
    „Ja, was der Hamburger für den Magen, ist der Schlager für die Seele. Hand aufs Herz: Wenn wir uns in einem anderen, gewissermaßen höheren Aggregatszustand befinden, also nicht mehr fest, sondern eher flüssig bis gasförmig: im Liebestaumel, dann werden auch verbiesterte Adorno-Adepten wohl kaum einen Zwölftöner pfeifen, sondern eher einen Schmachtfetzen hauchen. Plötzlich ist es gleichgültig, was das für schlichte Harmonien sind und was für armselige Satzkonstruktionen. (…) Da ist es auch bedeutungslos, dass der Schlager oft verwechsel- und austauschbar ist mit der Begleitmusik zur Waschmittel- oder Zahnpasta-Reklame. Und manchmal ragt aus der Fülle der Produktionen der Saison ein Lied heraus, schlägt plötzlich und unerwartet ein, wird zum Ohrwurm. Es bleibt ein Erzeugnis der Massenware – und doch wird es einzigartig, fasst die Stimmung eines Sommers, einer Generation oder eines ganzen Lebensalters zusammen. Liebende wie Sehnsüchtige fühlen sich in solchen Melodien besonders aufgehoben. Das kleine Bedürfniswesen Mensch in seinem Hautsack transzendiert für drei oder fünf Minuten.“ (Acklin, 2) 
     
    Der Popsong, der aus dem Autoradio tönt, durch das Ohr ins Hirn tröpfelt und – wie es scheint: beiläufig-unterhaltsam – das Herz erreicht, also Lebenssinn und Daseinsgewissheit aufruft, zieht mich als Hörer oder auch als Mitsängerin in den Bann, erfüllt meinen inneren Erfahrungsraum mit einer „Wolke“ letzter Bedeutsamkeit. Hier werden „das Gefühl und die Gefühle … vielfältig codiert und inszeniert.“ (Brinkmann, 157) Diese popkulturelle „Seite der Alltagsreligion der Leute“ (Schroeter-Wittke) sollte darum für die Kasualpredigt am Sonntag Kantate den auch texthermeneutisch entscheidenden Verstehenshintergrund darstellen. Es geht um das Singen, um die Musik, um die Kraft der Töne und Klänge – und um die in und mit ihnen unendlich gesteigerte Macht der Worte.
     
    Ernst Lange, der der Meinung war, dass im Grunde jede „Sonntagspredigt in ihrer Problematik von der Kasualrede her verstehbar“ (Lange, 22) sein müsse und darum auf eine sorgfältige Wahrnehmung und homiletische Erschließung der „besonderen Situation“ drängte, in der konkrete „Erfahrungen, Erwartungen, Konventionen und Vorverständnisse“ der Predigt „einen bestimmten Widerstand leisten, aber auch bestimmte, besondere Kommunikationswege und Kommunikationschancen eröffnen“, stellte die Forderung auf, der Predigttext müsse im Interesse einer interpretativen Deutung eben dieser Situation „nicht eigentlich zünftig ausgelegt, sondern … verbraucht werden.“ (Lange, 23)
     
    VI Predigtschritte: „Ich sing dir mein Lied – in ihm klingt mein Leben“
    Ähnlich wie auch am nächsten Sonntag Rogate besteht in meinen Augen die besondere homiletische Herausforderung in diesem Gottesdienst darin, dass in sinnvergewissernder Deutung über etwas gesprochen werden soll, was eigentlich gerade im Vollzug seine Kraft entfaltet. Die Predigt muss sich darum der kirchenmusikalischen Inszenierung einfügen. Hilfreich mag dabei der Bezug auf ein das traditionelle biblische Votum des Sonntag (Ps 98,1) aufnehmende Lied sein, das im Entwurf zur Erprobung als eines der drei Wochenlieder vorgeschlagen wird: „Ich sing dir mein Lied“, eine von Fritz Baltruweit und Barbara Hustedt 1994 ins Deutsche übersetzte brasilianische Weise.
     
    Im Singen manifestiert sich eine Lebenskraft besonderer Art, eine Macht, die ganz anders ist als das, was wir sonst als Macht kennen. Nicht mit Waffengewalt, nicht durch Herrschaft und Zwang wird hier Macht ausgeübt, auch nicht durch Erziehung oder Regierungsprogramme. Es sind nicht überzeugende Reden oder glaubwürdige Handlungen, die uns in den Bann schlagen. Die Musik und das Singen garantieren auch keinen wirkungsvollen Schutz vor Krankheit, Vereinsamung oder Tod.
     
    Und doch ist sie kräftig und mächtig in jedem, in jeder von uns. Es ist die Kraft, es ist die Macht des Singens selbst, die ein Neues in uns zum Klingen bringt, unsere engen Grenzen überschreitet, ekstatisch uns einstimmen lässt in den Sinn, den Glanz des Lebens.
     
    Während Worte, wie die Hirnforschung herausgefunden, in erster Linie die kognitive Intelligenz und das Gedächtnis beschäftigen, erreicht die Welt der Klänge und Töne andere Hirnregionen, nämlich die so genannte „emotionale Intelligenz“, die Sphäre des Gefühls und der Stimmungen. Klänge und Töne sorgen für eine innere Resonanz, lösen Probleme auf, vor denen der Verstand, auf sich allein gestellt, oftmals kapitulieren muss.
     
    Werkstück Gottesdienst (ein Stück Predigt)
    Manchmal ist Musik die beste Medizin: Wenn einem unvermutet ein altes Lied einfällt oder ein Popsong im Radio erklingt, ein Schlager, der uns einmal viel bedeutet hat, mit dem sich jedenfalls Erinnerungen aus früheren Tagen verbinden – dann kann einem plötzlich warm werden und leichter ums Herz, vielleicht summen, ja singen wir unwillkürlich, spontan mit…
    Jeder und jede von uns wird ja ganz eigene Erfahrungen mit Liedern und Musik haben. Jede Generation hat ihre Schlager, und die musikalischen Geschmäcker und Vorlieben sind so verschieden, wie wir auch sonst verschieden sind. Alle aber dürfte doch die Erfahrung verbinden, dass Musik eine besondere Wirkung in uns erzeugen, eine ganz eigentümliche Macht auf uns ausüben kann, ein neues Lied, ein Wunder!  
     
     
    Lieder:
    EG 272 „Ich lobe meinen Gott“
    Singt Jubilate 110 „Ich sing dir mein Lied“
     
    Literatur:
    Jürg Acklin, Dein ist mein ganzes Herz. Warum wir Schlager lieben und Unterhaltungsmusik brauchen: ein Plädoyer für den Eurovision Song Contest, in: Süddeutsche Zeitung vom 5. Mai 2014;
    Frank Thomas Brinkmann, I will always have my feelings. Zur Inszenierung von Gefühlen in (musikalischen) Popkulturen, in: L. Charbonnier u.a. (Hg.), Religion und Gefühl. Praktisch-theologische Perspektiven einer Theorie der Emotionen (FS Wilhelm Gräb), Göttingen 2013, 157-171;
    Ernst Lange, Zur Theorie und Praxis der Predigtarbeit (1968), in: Ders., Predigen als Beruf, hg. von R. Schloz, München 21987, 9-51
     
    Ein weiteres Beispiel für einen modernen Psalm: „Dieses Leben“ der Popformation „Juli“ aus dem Jahr 2006: http://www.songtexte.com/songtext/ juli/dieses-leben-43da0b93.html (abgerufen am 20.3.15).
     
    Verfasser:
    Dr. Martin Kumlehn
    Kirchenstr. 7
    18059 Ziesendorf
    Martin.Kumlehn@t-online.de

     
    redigiert von M. Kumlehn (Martin.Kumlehn@t-online.de)

  • 3.05.2015

    Kantate

    3.05.2015

    Lk 19,37-40

    37 Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten,
    38 und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!
    39 Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht!
    40 Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

    Predigtstudie zum Sonntag Kantate: Steine im Weg – singende Steine (Reihe V)

    Predigtstudie zum Sonntag Kantate: Steine im Weg – singende Steine (Reihe V)

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    A Ulrike Wagner-Rau
    I Eröffnung: Lobpreis und Jubel – im Horizont der Passion
    Mit der Wahl dieses Predigttextes verschränken sich im Gottesdienst die Zeiten. Der Sonntag Kantate liegt in der österlichen Freudenzeit. Die zunächst völlig plausible Stichwortverbindung vom Sonntag zum Predigttext über den Jubel und Lobpreis der Jüngerschar wird auf den zweiten Blick fragwürdig: Die Erzählung über den messianischen Zug Jesu vom Ölberg hinab nach Jerusalem führt in die Passionsgeschichte. Wer in der Gemeinde die Abfolge der Evangelien kennt, weiß das. Nicht nur die Zeiten verschränken sich hier, sondern auch die Themen und die Empfindungen. Die reine Freude erscheint vor einem dunklen Horizont. Es ist nicht einfach alles gut. Der Weg der Erzählung geht weiter zum Kreuz. Es wäre zu schlicht, hier die Wohltat des Singens und Lobens allein in den Mittelpunkt des Gottesdienstes zu stellen, obwohl sicher in vielen Kirchen schöne Musik und Chorgesang erklingen werden. Aber die Textauswahl lässt die Beschränkung auf den schönen Klang nicht zu. Die Dissonanzen sind ebenfalls zu hören.

    II Erschließung des Textes: Ein unterbrochener Festzug
    Die Verse des Predigttextes gehören in den Zusammenhang der Geschichte des Zuges Jesu, der sich den Abhang des Ölbergs hinab auf die Stadt Jerusalem zu bewegt. Lukas verarbeitet hier die Erzähltraditionen aus Mk 11,1-17. Eigentlich ist Jesus mit der Gruppe seiner Anhänger und Anhängerinnen zu Fuß unterwegs. Aber jetzt, kurz vor dem Ziel, verändert sich die Szenerie. Jesus sendet zwei Jünger aus, um einen jungen Esel (wörtlich: ein Füllen) zu holen, der bisher von niemandem geritten worden war. Mit diesem Motiv, das auf Sach 9,9 verweist, wird die Verwandlung des Wanderpredigers in den Protagonisten eines messianischen Festzuges eingeleitet (vgl. Wolter, 627).

    Die folgenden Motive verstärken diese Dynamik: Ohne Rückfrage wird das verlangte Reittier den Jüngern überlassen, „weil der Herr es braucht“ (V. 31). Ob mit dem Kyrios hier Jesus oder Gott gemeint ist, bleibt offen (vgl. Wolter, 629). Die Jünger legen ihre Kleider als Satteldecke über den Rücken des Tieres, ehe Jesus es besteigt. Und auf dem Weg, den dieser nimmt, breiten sie ihre Kleider aus, so wie es ähnlich u.a. in 2 Kön 9,13 im Zusammenhang der Salbung Jehus erzählt wird. Während der Festzug den Abstieg ins Tal antritt, stimmt die gesamte Menge der Jünger – es sind also offenbar mehr Personen als nur die Zwölf gemeint – den Lobpreis an. „Die Konvergenz mit dem Gotteslob der Engel von 2,13f. ist nicht zu übersehen“ (Wolter, 630). An die Stelle der Engel in der Nacht der Geburt Jesu treten hier aber Jesu Anhängerinnen und Anhänger, die Gott loben und Jesus als den König preisen aufgrund der Machttaten, die sie von ihm gesehen haben. So, wie die Geburt Jesu in den Horizont des Friedens gerückt wird, der über dem Erdkreis ausgerufen ist, so werden jetzt seine Taten zur Begründung dafür, dass Lukas die Jünger zu Zeugen macht, die Jesus als den messianischen Retter ausrufen. Dieser ist es, der den himmlischen Frieden bringen wird und damit die Ambivalenz der irdischen Wirklichkeit transzendiert.

    Aber schon jetzt zeigt sich in dieser Erzählung über einen Triumphzug gegenüber ähnlichen eine eigentümliche Verfremdung (vgl. Wolter, 627). Denn der Lobpreis der Jünger löst – anders als bei Mk und Mt – keine positive Resonanz im übrigen Volk aus. Im Gegenteil: Die Pharisäer fordern Jesus auf, seine Jünger zum Schweigen zu bringen. Jener antwortet mit dem rätselhaften Wort von dem Schreien der Steine, das einem Schweigen der Jünger folgen würde. Die Deutung dieses Wortes ist exegetisch umstritten: Ist es von den folgenden Versen her zu lesen als Verweis auf die kommende Zerstörung Jerusalems? Dann würde das Schreien den Jubel konterkarieren. Es käme dem Weinen Jesu über die Stadt (V. 41) und der Ankündigung nahe, dass die Feinde in ihr keinen Stein auf dem anderen lassen werden (V. 44) Wolter und Bovon bevorzugen die andere Lesart: Der Jubel über diesen Zug Jesu nach Jerusalem sei zwingend. Bliebe er aus, träte der eigentlich undenkbare Fall ein, nämlich dass die Steine schreien. So, wie Lukas schon Johannes den Täufer sagen lässt, dass Gott dem Abraham aus Steinen Kinder erwecken könne (Lk 3,8), so wird auch hier den stummen Mineralien eine lebendige Potenz zugetraut (vgl. Wolter, 629, und Bovon, 35).

    Wie auch immer man sich entscheidet: Die Festlichkeit des Zuges erfährt eine Unterbrechung, noch ehe die Stadt erreicht ist. Der jubelnde Lobpreis bleibt zunächst eine Episode. Denn die Leser des Lukasevangeliums wissen ja, dass sich erst durch die Passion hindurch in der Auferstehung und Erhöhung Jesu seine einzigartige Stellung zeigen wird. Aber dennoch ist der Jubel schon einmal da. Er gilt dem schlichten König auf dem jungen Esel, für den schon in seiner Geburtsnacht die Engel gesungen hatten und der durch seine vollmächtigen Taten gezeigt hatte, dass er im Namen Gottes kommt.

    So verfremdet der Festzug erscheint, so paradox verläuft der Weg Jesu: Eigentlich ist er auf dem Weg, um sich nicht zuletzt durch die Provokation der Tempelreinigung den mächtigen Gegnern auszuliefern. Sein Kreuz ist ihm sicher. Das ist dem Erzähler und auch den Lesenden bewusst. Aber das Fest des Friedenskönigs wird schon einmal angespielt: Er reitet unter dem Jubel derer, die ihm anhängen, über die Bühne, ehe der Tod ihn verschlingt, um ihn schließlich auf geheimnisvolle Art und Weise endgültig wieder ins Leben zu entlassen.
    Anders ist es auch nicht am Sonntag Kantate: Das Kirchenjahr legt ihn zwar in die österliche Freudenzeit, aber die Wirklichkeit bleibt so, wie sie ist: schön und schrecklich. Das Passagere des Jubels in der Erzählung passt zum Passageren des Lobpreises im Gottesdienst. Indem wir hier der Freude freien Lauf lassen, leuchtet etwas von der ewigen Freude auf, deren Vorschein durch die Ambivalenzen des Alltags hindurchträgt.

    III Impulse: Zweimal geboren
    Einer der ersten Empiriker der Religionspsychologie, der amerikanische Psychologe und Philosoph William James, hat in seiner Studie „Die Vielfalt der religiösen Erfahrung“ (1902) eine Fülle von Berichten über religiöse Erfahrungen gesammelt. James plädiert dafür, die überwältigenden Begegnungen, die berichtet werden, ernst zu nehmen, auch wenn man sie nicht beweisen könne. Der Mensch, so schreibt er, habe als Subjekt die Freiheit, die Welt auf seine Weise zu deuten. Wer alles determiniert denke, laufe „Gefahr, die in unserer Seele bewahrten Geheimnisse des Lebens zu vernichten, so als würde man, wenn man ihren Ursprung erklärt hat, im selben Atemzug auch ihre Bedeutung wegerklären …“ (James, 45).

    James geht es darum, die Möglichkeit des Glaubens und eines vertrauensvollen Verhältnisses zur Wirklichkeit offen zu halten. In den Zeugnissen, die er präsentiert, unterscheidet er zwei religiöse Typen. Die Vertreter einer „Religion des gesunden Geistes“ zeichneten sich dadurch aus, dass ihre Vertreter in einem lebenslang unbeirrbaren Vertrauen geboren zu sein scheinen. Anders diejenigen, bei denen eine „Religion der kranken Seele“ erkennbar sei. In ihnen erkennt James Menschen, die „in unmittelbarer Nähe der Schmerzschwelle geboren zu sein scheinen“ (James, 160). Wenn ihnen trotz ihrer Zustände von Melancholie und Zweifel die Erfahrung religiöser Gewissheit widerfahre, kehre ihr Glück nicht ungebrochen zurück, sondern „als ein sehr viel komplexeres Empfinden, das die natürliche Schlechtigkeit als Element mit einschließt, diese aber nicht so anstößig und schrecklich findet, weil es sie in etwas übernatürlich Gutes aufgehoben sieht“ (James, 180). Man könnte sagen: Diesen Menschen ist es in irgendeiner Weise gelungen, die Leidensseite ihre Lebens auf einer tieferen Ebene mit der Gewissheit eines guten Grundes der Wirklichkeit zu versöhnen. Ihre freudigen Berichte über das, was ihrer Seele geschenkt wurde, sind keine platten Zeugnisse „positiven Denkens“, sondern etwas, das James „eine zweite Geburt“ nennt oder „eine tiefere Art bewußten Lebens“ (James, 180).

    In den Zeugnissen, die James vorlegt, wie in den Versen des Predigttextes geht es also um ein Ineinander von Leiden und Jubel. Wir sehen nicht einfach einen Festzug vor uns. Wir hören nicht nur herrliche Lobgesänge. Wir haben nicht nur die Gewissheit des himmlischen Friedens oder des guten Grundes, auf dem das Leben ruht. Sondern wir ahnen im Hintergrund auch etwas von dem Leiden, das kommt, von den Schmerzen, die weitergehen, von der Not, die trotz alledem nicht aufhört. Die christliche Haltung zur Wirklichkeit hat überhaupt etwas von dieser Gebrochenheit des zweifachen Geborenseins: Denn der Messias ist nicht nur in der Weihnachtsnacht geboren, sondern er ist auch noch einmal geboren aus dem Grab. Der Glaube seiner Anhänger hat sich durch die Krise des Karfreitags hindurch entwickelt. Das Licht und der festliche Jubel erwachsen aus einer besonderen Verarbeitung der Dunkelheit und des Leids, die die Menschen nicht versteinern lässt, sondern sie immer wieder zum Singen und Loben bringt.

    Werkstück Gottesdienst (Eingangsgebet)
    Lebendiger Gott,
    du kennst Leid und Not,
    Krieg und Tod.
    Aber du bist Leben und Freude,
    Licht und Liebe.
    Darum singen wir
    heute und immer wieder
    das Lob deiner Herrlichkeit.
    Amen.

    Literatur:
    François Bovon, Das Evangelium nach Lukas (EKK III/4), Neukirchen/Vluyn 2009;
    William James, Die Vielfalt religiöser Erfahrung (insel TB 1784), Frankfurt am Main 1997;
    Michael Wolter, Das Lukasevangelium, Tübingen 2008.
     
    Verfasserin:
    Prof. Dr. Ulrike Wagner-Rau
    Professorin für Praktische Theologie an der Philipps-Universität Marburg
    Wilhelm-Roser-Straße 29
    35037 Marburg



    B Klaus Eulenberger
    IV Entgegnung: Ein steiniger Weg
    „Die Wirklichkeit bleibt so, wie sie ist: schön und schrecklich“ ( A II). Das ist sie, natürlich, auch in der österlichen Freudenzeit. Der überzeugendste Grund dafür, dass Lk 19,37-40 aus dem Schatten der M-Reihe herausgeholt und als Evangelium und Predigttext eingesetzt wurde, ist damit genannt. Aber die Lesung des Evangeliums allein würde die Spannung zwischen dem hellen Augenblick des Jubels und dem dunklen Ziel des Weges nicht erkennbar machen. Erst eine Predigt über diese Szene kann für die Besucher des Kantate-Gottesdienstes den Blick auf das Ganze der lukanischen Komposition eröffnen. Der Stein (líthos) ist darin ein wiederkehrendes Motiv: In Luthers Übersetzung erscheint er (in verschiedenen Bedeutungen) zwischen 19,40 und 20,18 fünf Mal. Ein steiniger Weg mithin. Die Passage vom Ölberg hinab in die Stadt ist noch weniger als bei Mk und Mt ein Triumphzug. Was ich mir für die Predigt wünsche: dass sie nicht vorgibt, das Dunkle würde sich in Lobpreis und Jubel auflösen – aber auch: dass sie überzeugend darstellt, wie sich die Freude am Leben und an seinen Wundern (dynámeon, V. 37) selbst in bedrängter Zeit nicht ersticken lässt.

    V Erschließung der Hörersituation: Wenn das Außergewöhnliche in das Gewohnte einbricht
    In der Kontroverse zwischen den Pharisäern und Jesus, wie diese Szene sie darstellt, bilden sich Differenzen in der Einschätzung der Verhältnisse ab. Haben besondere Ereignisse Einfluss auf das Ganze, oder sind sie für dessen Bewertung unerheblich? Haben die Ordnungen mehr Gewicht als die Wunder, die hier und da geschehen? Soll man das Außergewöhnliche willkommen heißen, oder stellt es eine Gefahr für ein funktionierendes System dar? Also: Kann man den „neuen Wegen“ (EG 396) vertrauen, oder soll man sich ihnen verweigern?

    Die deutsche Nachkriegsgeschichte ließe sich anhand solcher Fragen rekapitulieren. Das lange Unvorstellbare wird vorstellbar, indem es geschieht und sich durchsetzt. Ein paar Beispiele: die rechtliche Gleichstellung der Frau, worin die Öffnung des Pfarramts mit allen Kompetenzen für Frauen mehr oder weniger synchron mitlief. Der (noch längst nicht abgeschlossene) Prozess der Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften. Die allmähliche Anerkennung der Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Das Kirchenasyl als staatlich (jüngst wieder) tolerierte Institution zum Schutz von Flüchtlingen gegen rigide Abschiebung.(Dossier Kirchenasyl, abgerufen am 26.3.15)  Der Perspektivwechsel, der Immigranten nicht als Eindringlinge, sondern als Nächste identifiziert. Die „Willkommenskultur“ habe sich in den zurückliegenden Jahren deutlich verändert, heißt es gerade in den Medien. Veränderungen, die – je nachdem – vor fünfzig oder noch vor zehn Jahren noch nicht zu denken gewesen wären.

    Was wollen die Pharisäer, wie Lk sie darstellt? Sie wollen eine Zensur über die Nachrichten von den großen Taten verhängen. Sie wollen, dass totgeschwiegen wird, was diesen messianischen Menschen auszeichnet: dass er Kranke heilt und die Macht des Dämonischen zurückdrängt, dass er mit Vollmacht spricht, klar ist in seinem Denken und Wollen, alle Dinge im Licht ihrer Möglichkeiten sieht (Ernst Lange). Wenn die Pharisäer sich durchsetzten, gingen die guten Geschichten gelingenden Lebens verloren, sie gerieten in Vergessenheit, würden zusammen mit dem, der sie in die Welt gebracht hat, wenige Tage nach diesem Zusammentreffen am Abhang des Ölbergs in einer steinernen Höhle eingeschlossen. Karl Barth hat zum Partizip begraben im Apostolischen Glaubensbekenntnis assoziiert: „Wenn ein Mensch begraben wird, ist es augenscheinlich bekräftigt und bewiesen – obwohl er scheinbar noch gegenwärtig, tatsächlich aber bereits abwesend ist –, daß er keine Gegenwart mehr besitzt, noch weniger eine Zukunft. Er ist nur mehr Vergangenheit“ (zit. Tillich, 69). Aber das ist nicht möglich, es kann nicht sein, und es wird nicht sein, erwidert Jesus den Pharisäern. Die ganze Menge der Jünger – alle, die ihm begegnet sind, die mit ihm gegangen sind bis hierher oder geblieben sind an ihrem Ort, in ihrem Leben als Veränderte – müssen Gott loben mit lauter Stimme; täten sie es nicht, würden die Steine schreien (A II). Dazu passt, dass die steinerne Höhle, die ihn für kurze Zeit einschließen wird, ihn als Lebendigen am dritten Tag freigeben muss. Wer – am Sonntag Kantate – Ostern im Rücken hat, weiß, dass der am Abhang des Ölbergs Gefeierte zwei Geburten erlebt hat: die „in Bethlehem“ und die im Grab. Die erste ist dem Zur-Welt-Kommen eines Kindes vergleichbar (allerdings mit aufgeladener Bedeutung, erkennbar an dem Ruf der Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe …“). Die zweite Geburt bedeutet nicht den Anfang eines Lebens, sie signalisiert das Ende des Todes. Das zeigt sich auch daran, dass man die Geschichten weiter erzählt, die von ihm ausgehen.

    VI Predigtschritte: „Natürliche Schlechtigkeit – übernatürlich Gutes“
    Bestandteil meiner Predigt wird ein Überblick über die Komposition der Passionsgeschichte bei Lk mit den auf sie zulaufenden Szenen ab 19,28 sein. So kann das Besondere der Darstellung dieses Evangeliums sichtbar werden.

    Werkstück Gottesdienst (Predigtanfang)
    „Singet dem Herrn ein neues Lied; denn er tut Wunder.“ Der Beginn des Psalms, den wir miteinander gesprochen haben, enthält den Namen dieses Sonntags: Kantate, Singt. Ob die „Menge der Jünger“ gesungen hat, als alle zusammen sich anschicken, mit Jesus den Hang des vor Jerusalem gelegenen Ölbergs hinabzusteigen, er auf einem Eselsfüllen, sie, begeistert, hinter ihm her und um ihn herum? Die Erzählung aus dem Lukasevangelium sagt es nicht. Sie spricht von lauten Stimmen, mit denen die Menge Gott lobt aus Freude „über alle Taten, die sie gesehen hatten.“ Sie gibt auch wieder, was die Vielen in ihrer Freude gesagt oder ausgerufen hätten: „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Das klingt ähnlich wie in der Weihnachtsgeschichte des Lukas. Dort wird das „Ehre sei Gott in der Höhe“ mit der Ansage verbunden: „Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Hier, beim Einzug in Jerusalem, geht der Blick von unten nach oben. Die Wunder, die (großen) Taten, die auf den Wegen bis hierher geschehen sind, bringt die Menge dazu, Gott im Himmel zu loben. Ehre soll ihm zukommen, und der Ewige kann einmal im Frieden sein mit den Irdischen. Es ist ein großes Wunder geschehen.

    Aber es gibt eine Störung. Einige Pharisäer, Zeugen der Szene, rufen Jesus zur Ordnung. Er solle doch den Begeisterten den Mund verbieten. Jesus antwortet: Wenn sie schwiegen, müssten die Steine schreien. Es ist nicht anders möglich als so, dass hier mit lauter Stimme Gott gelobt wird. – Aber nun sind die Steine im Spiel. Die harten, schweren Steine, die im Weg liegen. Die übrig bleiben von zerstörten Städten. Die Steine, mit denen man töten, die Menschen erschlagen können. Den Stein, den man verwerfen – oder als Schlussstein in ein Gewölbe einsetzen kann. Fünf Mal in einem kurzen Text nennt der Evangelist Lukas die Steine. So verliert der Einzug Jesu in Jerusalem den Charakter eines Triumphzuges. Am Ende wird Jesus an einem Kreuz umkommen. Alle, die seine Geschichte auch nur ungefähr kennen, wissen, dass sie nicht gut ausgeht. Und dennoch bricht jetzt Jubel aus im Angesicht der Stadt, in der Jesus zum Tod verurteilt wird.

    Im weiteren Verlauf wird sich Predigt vor allem an der „Vielfalt der religiösen Erfahrung“ von William James orientieren (A III). Sie wird entfalten, dass es angesichts der „natürlichen Schlechtigkeit“ (James) eine andere Option gibt als Zynismus, Jovialität, Depression, Fatalismus oder die „Kraft des positiven Denkens“. Wer um die Ambivalenz des Lebens weiß, kann dennoch Gott oder das Leben loben. Der steinige Weg Jesu wird auf ein Felsengrab (Lk 23,53) zulaufen. Aber am frühen Morgen des dritten Tages werden „die Frauen, die mit ihm gekommen waren aus Galiläa“ (V. 55), den Stein weggewälzt sehen vom Grab. Eine erstaunliche und wunderbare Geschichte, die erzählt und begründet, wie sich „das Licht und der festliche Jubel“ auch in der Nähe zu Tod und Schmerz durchsetzen können.

    Ein paar literarische Assoziationen dazu.
    MITTEN IM LEBEN
    denke ich an die Toten,
    die ungezählten und die mit Namen.
    Dann klopft der Alltag an,
    und übern Zaun
    ruft der Garten: Die Kirschen sind reif!
    (Grass, 44)

    Im Jahr des 200. Todestages von Matthias Claudius (21.01.1815) ein Vers aus seinem „Trinklied“:
    Herrlich ist’s hier und schön!
    Doch des Lebens Schöne
    Ist mit Not vereint;
    Es wird manche Träne
    Unterm Mond geweint.
    Herrlich ist’s hier und schön!
    (Claudius, 129)

    „Die Herrlichkeit des Lebens“ heißt ein Roman, in dem Michael Kumpfmüller die Liebesgeschichte zwischen dem lungenkranken Franz Kafka und der jungen Dora Diamant erzählt. Der Titel ist ein Zitat aus den Tagebüchern Kafkas von 1921, wo es heißt: „Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.“

    Zu einem Gottesdienst am Sonntag Kantate auf dem Hintergrund von Karfreitag und Ostern passen Lieder wie „In dir ist Freude“ (EG 398), „Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen“ (EG 272), „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt“ (Netz/Lehmann, z.B. in „Himmel, Erde, Luft und Meer“, Beiheft zum EG in der Nordkirche, 104).

    Literatur:
    Matthias Claudius, Sämtliche Werke, München 1984;
    Günter Grass, Fundsachen für Nichtleser, Göttingen 1997;
    Michael Kumpfmüller, Die Herrlichkeit des Lebens, Frankfurt am Main 2014;
    Paul Tillich, Im Grabe geboren, in: Ders., Die neue Wirklichkeit, München 1962.

    Verfasser:
    Pastor i.R. Klaus Eulenberger
    Gut Daudieck 2
    21640 Horneburg



    redigiert von M. Kumlehn ()

  • 10.05.2015

    Rogate

    10.05.2015

    Dan 9,4-5.16-19

    4 Daniel sprach: Ich betete aber zu dem HERRN, meinem Gott, und bekannte und sprach: Ach, Herr, du großer und heiliger Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten!
    5 Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen.
    6 Wir gehorchten nicht deinen Knechten, den Propheten, die in deinem Namen zu unsern Königen, Fürsten, Vätern und zu allem Volk des Landes redeten.
    16 Ach Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk  Schmach bei allen, die um uns her wohnen.
    17 Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Antlitz über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr!
    18 Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
    19 Ach Herr, höre! Ach Herr, sei gnädig! Ach Herr, merk auf! Tu es und säume nicht – um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt.

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    StichWORT: Trümmer, überblüht (Reihe V)

    StichWORT: Trümmer, überblüht (Reihe V)

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    Wort:
    Feuerofen und Löwengrube - Daniel kommt durch alles durch. In der Kinderbibel wird von ihm und seinem spannenden Leben gerne ausführlich und reich bebildert erzählt. Ansonsten ist man sich über seine Bedeutung nicht ganz einig. Zu den Propheten gehört er aus Sicht der jüdischen Auslegung eher nicht, seine Prophezeiungen beziehen sich schließlich nur auf die Zukunft und weniger auf die Gegenwart. In dem für den Sonntag Rogate vorgeschlagenen, neu zu erprobenden Text finden wir Daniel sehr auf dem Boden der Tatsachen wieder. Die Frage nach der Dauer des babylonischen Exils treibt ihn um. Sie bleibt für ihn unbeantwortet. Die Datierung in das erste Jahr der Herrschaft des Darius (Dan 9,1) ist, so wissen wir heute, reine Fiktion. Neu ist bei Daniel die Übertragung eines „Tun-Ergehen-Zusammenhangs“ auf das Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk. Was im Dekalog in Ex 20, 5f. bereits anklingt, hat sich in der Wirklichkeit des babylonischen Exils (der erzählten Zeit des Danielbuchs) schmerzhaft erfüllt.
    Und dennoch hält Daniel fest an der Zuwendung Gottes zu seinem Volk. Sein Buch ist ein „Trostbuch für Menschen, die in ihrer Existenz und Identität bedroht waren“[1]. Und ein Beispiel für die verändernde Kraft des Gebets. Gott bleibt gerade in der Anerkenntnis individuellen und kollektiven Versagens ein Gegenüber für Daniel. Sein Gebet ist nicht „Ersatz eigenen Handelns, sondern das Bewusstsein des Anerkanntseins, das zu einer neuen, erweiterten Sicht der Möglichkeiten des eigenen Handelns führt“ (Dietrich Korsch).
    Im Zusammenhang mit der Erinnerung an das Ende des 2. Weltkriegs vor siebzig Jahren, die an diesem Sonntag ein Thema sein sollte, bekommen die Erwähnung der siebzig Jahre im Kontext des Predigttextes und vor allem die Bedeutung des Eingeständnisses eigener Schuld ihre aktuelle Bedeutung für die Gegenwart.
    Gerade angesichts der Diskussionen, etwa um das Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen, aber auch um die „Kriegskinder“ und –enkel darf bei allem Gewinn, den dieser Zugang für die Vergangenheitsbewältigung bedeutet, nicht das Thema der individuellen und kollektiven Schuld aus dem Blick geraten. Es waren „unsere Mütter, unsere Väter“ (so der Titel des TV-Mehrteilers von 2013), die sich durch ihr Tun oder Lassen (mit)schuldig machten. In diesem Bewusstsein lässt sich Daniels Gebet an diesem Sonntag als ein Bußgebet mitsprechen.
     
    Stich:

    Bleibtreu heißt die Straße

    Vor fast vierzig Jahren wohnte ich hier;
    ... Zupft mich was am Ärmel, wenn ich
    So für mich hin den Kurfürstendamm entlang
    Schlendere - heißt wohl das Wort.
    Und nichts zu suchen, das war mein Sinn.
    Und immer wieder das Gezupfe.
    Sei doch vernünftig, sage ich zu ihr.
    Vierzig Jahre! Ich bin es nicht mehr.
    Vierzig Jahre. Wie oft haben meine Zellen
    Sich erneuert inzwischen
    In der Fremde, im Exil.
    New York, Ninety-Sixth Street und Central Park,
    Minetta Street in Greenwich Village.
    Und Zürich und Hollywood. Und dann noch Jerusalem.
    Was willst du von mir, Bleibtreu?
    Ja, ich weiß, Nein, ich vergaß nichts.
    Hier war mein Glück zu Hause. Und meine Not.
    Hier kam mein Kind zur Welt. Und mußte fort.
    Hier besuchten mich meine Freunde
    Und die Gestapo.
    Nachts hörte man die Stadtbahnzüge
    Und das Horst-Wessel-Lied aus der Kneipe nebenan.
    Was blieb davon?
    Die rosa Petunien auf dem Balkon.
    Der kleine Schreibwarenladen.

    Und eine alte Wunde, unvernarbt.

    (aus: Mascha Kaleko: In meinen Träumen läutet es Sturm, München 1997, S. 186)
     
     

    Predigt zu Dan 9, 4f.16-18:
     
    Trümmer, überblüht 

    Es ist ein Dienstag und die Sonne scheint. Die Bäume blühen wie zum Trotz, wie gegen alle Zerstörung. Sie blühen in den Parks der Städte oder in dem, was von den Parks übriggeblieben ist. Es blüht auch in den Vorgärten der Häuser, die stehengeblieben sind. Junges Grün am Straßenrand überwächst die Spuren, die Wagen und Menschen zurückgelassen haben auf ihrer Flucht. Im Graben, da, wo sie vor wenigen Monaten noch Schutz gesucht haben vor den Fliegern, antwortet eine Löwenzahnblüte der Sonne.
    Die scheint auch auf die bleichen Gefangenen. Aus dem Dunkel der Baracken sind sie ans Licht gekommen. Die Sonne scheint auf die Soldaten. Sie scheint gleichmäßig auf die Sieger und die Verlierer, auf das Land, auf seine Städte und Dörfer, auf die Trümmer und auf alles, was unversehrt blieb. Es ist ein Dienstag im Mai. Und der Mai tut, was nur der Mai kann. Er überblüht einfach alles. Alle Zerstörung, all das Leid, den Tod. Die Sonne scheint. Es ist still. Sie sagen, der Krieg ist zu Ende. Heute.
     
    Siebzig Jahre sind vergangen seit diesem Mai, als der Krieg zu Ende gewesen sein soll in unserem Land. Wir erinnern uns daran in diesen Tagen. Und wir wissen heute, wie schwer es ist, zu sagen, wann der Krieg wirklich zu Ende war. Als der Mann, der Vater heimkehrte aus der Gefangenschaft? Oder als der Brief mit der Nachricht kam, dass er nie mehr wiederkommen würde? War der Krieg zu Ende, als die Flüchtlinge aus den Baracken am Rande der Stadt in das neu gebaute Viertel einziehen konnten, in dem wenigstens die Namen der Straßen nach Heimat klangen? Oder war er erst zu Ende, als die Kasernen sich leerten und die Sieger sich zurückzogen aus dem Land, von dem der Krieg ausgegangen war? Als die große Wunde anfing zu heilen und das geteilte Land begann, wieder ein Land zu werden?
    Wann ist ein Krieg zu Ende? Wenn niemand mehr lebt, der dabei gewesen ist, weder die Täter noch die Opfer, wenn die Zeitzeugen gestorben sind? Auch das wissen wir heute: Der Krieg lebte weiter in ihnen, ein Leben lang. Die wenigsten haben es geschafft, davon zu erzählen. Und viele erleben im Alter, dass der Krieg zurück kommt. Oft dann, wenn der Verstand seine Kraft verloren hat, wenn nur noch Gefühle da sind. Dann kommen die Angst, der Schmerz und die Schuld.
    Und wir wissen noch mehr: Der Krieg lebt weiter auch noch in den Kindern und den Enkel, in den Generationen, die geboren wurden, als längst schon wieder Frieden herrschte. Auch wenn der Krieg für sie keine bewusste Erinnerung mehr ist, hat er doch seinen Platz in ihren Herzen und Seelen. Er bestimmt ihr Verhalten, ihren Umgang mit anderen Menschen und mit sich selbst. Schutt und Trümmer, noch siebzig Jahre danach, nie weggeräumt. Manchmal wie überwachsen, manchmal offen und sichtbar. Wann ist der Krieg zu Ende?
     
    Im ersten Jahr des Darius, des Sohnes des Ahasveros, aus dem Stamm der Meder, der über das Reich der Chaldäer König wurde, in diesem ersten Jahr seiner Herrschaft achtete ich, Daniel, in den Büchern auf die Zahl der Jahre, von denen der HERR geredet hatte zum Propheten Jeremia, dass nämlich Jerusalem siebzig Jahre wüst liegen sollte. Und ich kehrte mich zu Gott, dem Herrn, um zu beten und zu flehen unter Fasten und in Sack und Asche. (Dan 9, 1-3)
     
    Wann ist es zu Ende? Wann ist es vorbei? Diese Frage stellt sich auch Daniel. Er ist einer von denen, die durch Krieg und Gewaltherrschaft ihre Heimat verloren haben und jetzt in der Fremde leben müssen. Es geht ihm nicht schlecht dabei, denn er hat sich unter den fremden Herrschern eine gute Position verschaffen können. Aber wie alle anderen um ihn herum lebt er mit einer Frage im Herzen: Wann ist es zu Ende? Wann können wir wieder nach Hause?
    Siebzig Jahre sollte Jerusalem wüst liegen, ein Trümmerhaufen sein, aber dann wäre die Strafe vorbei. Dann wäre es zu Ende, dann könnten sie zurück. So steht es doch in den Schriften, bei Jeremia, dem Propheten. So hat es Gott doch versprochen.
     
    Im ersten Jahr des Königs Darius, des Sohnes Ahasveros, der über das Reich der Chaldäer Herrscher wurde, in diesem ersten Jahr seiner Herrschaft, war es. Da soll Daniel überlegt haben, ob es wohl schon soweit ist. Und viele haben das gelesen und angefangen zu rechnen, ob das wohl sein kann, ob das passt zum Jahr der Rückkehr des Volkes Israel aus der babylonischen Gefangenschaft. Ob Gott wirklich handelt in unserer Menschengeschichte?
    In diesem ersten Jahr, das hört sich so genau an. Aber heute wissen wir: Dieses Datum gibt es gar nicht, auch keinen König Darius aus dem Stamm der Meder, nichts davon. Es gibt den Zeitpunkt gar nicht, von dem aus man anfangen könnte zu rechnen. Die siebzig Jahre lassen sich in keinen Kalender eintragen. Und deswegen gibt auch kein Kalender eine Antwort auf die Frage, wann es vorbei ist. Damals nicht und heute nicht. Wir sehen nur: Es ist Zeit vergangen, nicht nur vierzig, sondern siebzig Jahre. Die Trümmer wurden weggeräumt, sie sind überbaut und überwachsen. Und sie sind doch nicht verschwunden, nicht aus dem Bild unserer Städte und nicht aus unseren Herzen und Seelen.
     
    In seiner berühmten Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985 hat sich Richard von Weizsäcker auch gefragt, wann der Krieg zu Ende ist, wie lange es dauert, bis man seine Vergangenheit ehrlich ansehen kann. Er erinnerte in seiner Rede an die biblische Bedeutung der vierzig Jahre. So lange, bis zu diesem 8. Mai 1985 habe es gedauert, bis dieser Tag von den meisten Deutschen als Tag der Befreiung gesehen werden konnte:
    „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. (…) Wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen.“
     
    II.
     
    Und ich kehrte mich zu Gott, dem Herrn, um zu beten und zu flehen unter Fasten und in Sack und Asche. Ich betete aber zu dem HERRN, meinem Gott, und bekannte und sprach: Ach, Herr, du großer und heiliger Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. (Dan 9, 3-5.)
     
    Daniel weiß nicht, wann es vorbei sein wird. Aber er glaubt, dass Gott der Gleiche bleibt über alle Zeiten. Zu ihm betet er und sein Gebet ist vor allem ein Eingeständnis eigener Verantwortung. Sonst sind am Leiden seines Volkes immer die anderen schuld gewesen, die Feinde, die fremden Herrscher.
    Aber jetzt hört Daniel auf damit, anderen die Schuld zu geben. Er sagt: Wir sind es, wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. Und jeder, der das liest, weiß sofort, was damit gemeint ist: Die zehn Gebote, das Gesetz der Freiheit, gegeben von Gott, einem eifernden Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die ihn hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die Gott lieben und seine Gebote halten. (Ex 20, 5f.)
     
    In seinem Gebet spricht Daniel Gott als den Barmherzigen an. Die Missetat der Väter bleibt darin noch unausgesprochen. Aber jeder weiß, dass es sie gibt, Daniel und sein Volk. Auch noch nach siebzig Jahren wissen das alle.
    Wir wissen nach unseren siebzig Jahren viel mehr über die Folgen, die der Krieg bei den Kriegskindern und Kriegsenkeln hinterlassen hat. Viele Menschen haben gelernt, darüber zu sprechen und ihre Gefühle zu zeigen. Sie verdrängen nichts mehr und sehen sich die Trümmer an, die der Krieg in ihrer Familiengeschichte hinterlassen hat. Sie stellen sich ihren Verletzungen, ihrer Angst und ihrem Schmerz.
    Aber niemand darf darüber vergessen, dass es neben der Angst und dem Schmerz auch unsere Schuld gibt. Der Krieg kam nicht von irgendwo her. Er kam aus unserem Land. Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. Und darum gibt es diese ganzen Trümmer in unserem Land, in unseren Herzen und Seelen. Bis heute, siebzig Jahre danach.
     
    Unsere Vorfahren haben uns eine schwere Erbschaft hinterlassen, sagt Richard von Weizsäcker. Ein Erbe, das wir annehmen müssen: „Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. Jüngere und Ältere müssen und können sich gegenseitig helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten. (…) Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“
     
    III.
     
    Ach Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her wohnen. Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Antlitz über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr! Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. (Dan 9, 16-18)
     
    Wann ist der Krieg zu Ende? Nach vierzig Jahren nicht, nach siebzig Jahren nicht. Auch nicht, wenn alle gestorben sind, die damals dabei waren. Der Krieg bleibt in uns. Wir tragen die Schmach auch heute noch, bei allen die um uns wohnen. Aber Gott wendet sich nicht ab von uns, trotz allem.
    Sieh an unsere Trümmer, Gott, bittet Daniel. Sieh an unsere Trümmer, Gott, bitte ich. Und hilf uns, dass wir sie selbst ansehen. Damit wir sehen, was gewesen ist vor siebzig Jahren, unsere Angst, unseren Schmerz und unsere Schuld. Dann geht der Krieg zu Ende in unseren Herzen und in unseren Seelen. Dann werden die Trümmer darin endlich überblüht, so wie vor siebzig Jahren im Mai.
     
    Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
     
    Amen.
     
    (Kathrin Oxen, Wittenberg)
     
     
     
     
     
     
    Hintergrundinformationen:
     
    Rede Richard von Weizsäckers zum 8. Mai (1985)
     
    http://webarchiv.bundestag.de/archive/
     
    zum 8 .Mai als Gedenktag:
     
    http://www.politische-bildung-brandenburg.de/lexikon/

    [1] Vgl. Markus Witte, Das Danielbuch, in: Jan Chr. Gertz (Hg.), Grundinformation Altes Testament, Göttingen 4. Auflage 2010, 495-514, 506.
     

Diese Predigthilfe wurde zur Verfügung gestellt von:

Predigtstudien

Predigtstudien

Predigtstudien im Kreuz-Verlag
hg. von Wilhelm Gräb (Geschäftsführung), Johann Hinrich Claussen, Wilfried Engemann, Klaus Eulenberger, Doris Hiller, Kathrin Oxen, Christopher Spehr und Birgit Weyel

Website: www.kreuz-verlag.de

Die Predigt ist ein Kommunikationsgeschehen, eine „Rede mit dem Hörer über sein Leben“ (Ernst Lange), kein einseitiger Akt der „Verkündigung“. Die Predigtstudien folgen dieser Einsicht, indem sie zu einer Predigt verhelfen wollen, die auf die Lebenserfahrungen der Hörenden eingeht und zu einer sie religiös ansprechenden Auslegung des biblischen Textes führt. Die Predigtstudien lassen darum dem Verstehen des biblischen Textes das Verstehen der Hörenden mit gleichem Gewicht zur Seite treten. Die Hörenden sollen merken, dass sie als souveräne Subjekte ihrer religiösen Selbstdeutung angesprochen werden. Das könnte gelingen, wenn Predigende versuchen, sich an die Stelle der Hörenden zu versetzen und dabei gerade diejenigen im Blick haben, denen die Semantik kirchlicher Rede unverständlich geworden ist. Auch die Textauslegung dürfte so eine andere Ausrichtung gewinnen.

Das verlangt eine verstehende Vergegenwärtigung biblischer Texte (Schwerpunkt A) sowie eine „Klärung der homiletischen Situation“ (Ernst Lange) durch die Wahrnehmung heutiger Erfahrungen und Lebenssituationen in ihrer Offenheit für religiöse Deutung (Schwerpunkt B). Es ist herauszuarbeiten, welche heutigen Erfahrungen und Situationen mit dem biblischen Text in den Blick kommen. Ebenso ist zu fragen, zu welcher religiösen Deutung heutiger Erfahrungen und Situationen der biblische Text verhilft.  

A-Teil: Texthermeneutik
I Eröffnung
Was veranlasst zu einer Predigt mit diesem Text?
II Erschließung des Textes
Welche Überzeugung vertritt der Verfasser des Textes? Welche existenziellen Erfahrungen bringt er mit diesem Text zur Sprache? Wie verstehe ich heute den Text?
III Impulse
Was folgt aus meiner Textinter­pretation für das Thema und die Intention der Predigt? Vorschläge für Predigt und Gottesdienst!
Werkstück Gottesdienst

B-Teil: Situationshermeneutik
IV Entgegnung
Wo ich A nicht folgen kann! Was leuchtet mir ein? Was sehe ich kritisch?
V Erschließung der Hörersituation
Welche existenziellen Erfahrungen und exemplarischen Situationen habe ich bei meiner Predigt mit diesem Text im Blick? Mit welcher Sicht auf die Wirklichkeit trete ich mit den Hörern ins Gespräch?
VI Predigtschritte
Was folgt aus meiner Interpretation der Situation für das Thema und die Intention der Predigt? Vorschläge für Predigt und Gottesdienst!
Werkstück Gottesdienst
(Auszug aus dem Leitfaden zum homiletischen Verfahren der Predigtstudien in der aktualisierte Fassung vom 20.09.2014)

Bezug
Die Predigtstudien erscheinen zweimaljährlich im August und im Februar und kosten 25,- € pro Halbband. Für Fortsetzungsbezieher gilt ein vergünstigter Preis. Der Einstige in ein Abonnement ist jederzeit möglich. Auch als ebook erhältlich.

Redaktion